Die syrische Armee ist in die an der Grenze zum Libanon gelegene Kleinstadt Tel Kalach eingerückt. Der Ort wurde abgesperrt, Schüsse fielen, mindestens vier Menschen wurden getötet, berichtete der arabische Nachrichtensender Al Jazeera. Einem Augenzeugen zufolge wurden beim Vorstoß des Militärs mindestens 19 weitere Personen verletzt.

Einer der Getöteten starb in einem libanesischen Krankenhaus, nachdem ihn Angehörige mit schweren Schussverletzungen über die Grenze gebracht hatten. Aus Tel Kalach waren schon in den vergangenen Tagen rund 1000 Bewohner über den Grenzfluss Kabir in den Libanon geflohen.

Auch in anderen Städten in Syrien, kam es erneut zu Protesten. In der Provinzhauptstadt Homs nahmen rund 8000 Menschen am Begräbnis von Demonstranten teil, die am Vortag getötet worden waren, meldete Al Jazeera unter Berufung auf Augenzeugen. Wegen der Menschenmenge musste die Armee sogar einige Straßensperren entfernen. Zunächst wurden keine Übergriffe der Sicherheitskräfte bekannt.

Am Freitag waren in Syrien bei neuen Protesten gegen das Regime acht Demonstranten getötet worden, teilten Aktivisten mit. Seit Beginn der Massenkundgebungen am 15. März sind nach ihren Angaben mindestens 750 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen Demonstranten. Aber auch Polizisten und Sicherheitskräfte kamen ums Leben. Die Angaben lassen sich nicht verifizieren, in Syrien befinden sich zurzeit keine unabhängigen Journalisten mehr.

Das Regime in Damaskus stellt die Revolte als einen von syrien-feindlichen Kräften im Ausland gesteuerten Umsturzversuch dar. Die Medien ignorieren die großen friedlichen Demonstrationen und die Gewalt der Sicherheitskräfte. Stattdessen wird nur von deren angeblichem Kampf gegen "kriminelle Banden" und "Terroristen" berichtet.

Nach einer massiven Verhaftungswelle
in den vergangenen zwei Wochen, bei der Tausende mutmaßliche Regimegegner verschleppt wurden, versuchen die Regime-Medien den Eindruck von Normalität zu erwecken. Bilder im staatlichen Fernsehen zeigten am Samstag Soldaten, die von "dankbaren" Bewohnern mit Reis und Blumen beworfen wurden.

Informationsminister Adnan Mahmud hatte erst am Freitag erklärt, die Regierung wolle demnächst einen "nationalen Dialog in allen Bezirken des Landes" führen. Die Führung arbeite an einem "umfassenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformprogramm", fügte er hinzu. Auch die syrischen Truppen und Panzer sollten angeblich zurückgezogen werden. Der Rückzug solle zunächst in Deraa und dann in der Küstenstadt Banias erfolgen – nach Angaben der Bewohner  in Deraa stehen jedoch nach wie vor Soldaten und Panzer vor den Moscheen. Auch in Banias berichten die Bewohner, dass sich Hunderte Truppen in der Stadt befinden.