Spielte Osama bin Laden bis zu seinem Tod noch eine gewichtige Rolle im internationalen Terrorismus? Über diese Frage ist zwischen den USA und Pakistan ein Streit entbrannt. "Er war aktiv an der Planung und an taktischen Entscheidungen beteiligt", sagte ein US-Geheimdienstmitarbeiter während der Präsentation von persönlichen Videos des langjährigen Al-Qaida-Chefs, die in dem Gebäude im pakistanischen Abbottabad konfisziert wurden.

Pakistan wies diese Darstellung als "lächerlich" zurück. "Das ist absoluter Quatsch", sagte ein Vertreter der Sicherheitskräfte. Es klinge gegenwärtig nicht so, als ob bin Laden ein Terrornetzwerk betrieben habe, ergänzte ein hochrangiger Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes. In dem Haus habe es weder Telefon noch Internet gegeben. Pakistan bezweifelt schon allein deswegen, dass bin Laden von dort aus al-Qaida leitete.

Hintergrund der widersprüchlichen Darstellungen beider Länder sind die verschiedenen Interessenlagen: Pakistan ist von milliardenschweren Finanzhilfen aus Washington abhängig und steht stark unter Druck, den Amerikanern zu erklären, wie bin Laden so viele Jahre unentdeckt bleiben konnte: Abbottabad liegt nur etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt, wo sich auch das Hauptquartier des pakistanischen Geheimdienstes befindet. Bin Laden war in Abbottabad von US-Elitesoldaten aufgespürt und vor rund einer Woche getötet worden. Pakistanischen Sicherheitskreisen zufolge hatte der Terrorist womöglich mehr als sieben Jahre in Pakistan gelebt. "Bin Ladens Frau Amal hat Ermittlern gesagt, sie hätten zunächst in einem Dorf in der Region Haripur für etwa zweieinhalb Jahre gelebt und seien dann Ende 2005 nach Abbottabad gezogen", sagte ein hochrangiger pakistanischer Sicherheitsbeamter.

Experten zufolge verstärkt sich daher der Verdacht, dass Pakistans weit verbreiteter Geheimdienst ISI, der schon lange Kontakte zu Extremistengruppen pflegt, womöglich auch Verbindungen zu bin Laden unterhielt. Doch noch gibt es keine Beweise für derartige "Vorkenntnisse" der pakistanischen Führungsetage. Das räumte der Nationale Sicherheitsberater der USA, Tom Donilon, ein. Mit der Betonung von bin Ladens Schwäche versucht Pakistan gleichwohl, die Vorwürfe aus Washington abzumildern.

Für die USA dagegen sei es nach Ansicht von Beobachtern von Vorteil, an der Führungsrolle bin Ladens festzuhalten. Wenngleich man versuche, ihn mithilfe der Videos aus Abbottabad zu entzaubern. Auf den Bildern erscheint er als alter, grauer Mann mit Wollmütze auf dem Kopf und einer Decke um die Schultern, während er Aufnahmen seiner eigenen Reden betrachtet. Der Al-Qaida-Chef sollte nach dem Willen Washingtons nicht als mächtiger Märtyrer in die Geschichte eingehen, "sondern als Medienfigur, die sich selbst kreiert hat", schrieb etwa die Internetzeitung politico.com.