ZEIT ONLINE: Sie waren einer der sieben Präsidentschaftskandidaten, die am letzten Wahltag am 19. Dezember 2010 in Minsk festgenommen wurden. Wie lief Ihre Verhaftung ab?

Ales Michalewytsch: Ich hatte nach der Demonstration in Minsk und der Gewalteskalation durch die Sicherheitskräfte geholfen, Verletzte in die Krankenhäuser zu bringen. Als ich um 4:30 Uhr morgens in mein Büro zurückkam, wurde ich von Spezialkräften des KGB festgenommen. Den Grund hat man mir anfänglich nicht genannt. Man brachte mich zum KGB-Gefängnis. Die ersten Tage in Haft aber gab es keine ernsthaften Vergehen an meiner Person durch den KGB. Die Folter begann erst am 26. Dezember. Allerdings nahm man mir schon in den ersten Tagen mein Tagebuch ab.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie die Haftbedingungen beschreiben?

Michalewytsch: Hinsichtlich der allgemeinen Lebensbedingungen gilt das KGB-Gefängnis als eines der "besten" in Weißrussland. Und ich kann nicht sagen, dass es irgendetwas gab, was mich überrascht hätte. Wirklich übel war, dass eine konstante medizinische Versorgung verweigert wurde. Der Arzt durfte die Gefangenen nur einmal die Woche besuchen, und das nur zu einer verabredeten Zeit.

Zudem wurden nachts die Neonlampen in den Zellen nicht ausgeschaltet. Man wurde gezwungen, sich direkt unter die Lampen zu legen. Man durfte sich das Gesicht nicht mit einem Taschentuch oder Handtuch bedecken. Als Folge verschlechterte sich meine Sehkraft. Zudem befahl man, dass ich mich beim Schlafen rücklings zur Wand, also mit den Augen gen Flur zu legen hatte, was vom Wächter stetig überwacht wurde. Falls ich mich im Schlaf zur Wand umdrehte, kam der Wächter in die Zelle, weckte mich und befahl, mich wieder nach Vorschrift hinzulegen. Wirklich schlafen konnte ich so natürlich nicht.

ZEIT ONLINE: Im Gefängnis versuchte der KGB Sie dazu zu bringen, die anderen Oppositionskandidaten in einem TV-Statement für "die Eskalation" auf der Demo zu beschuldigen. Sie aber lehnten ab. Wie reagierten die KGB-Mitarbeiter?

Michalewytsch: Ja, ich sollte eine ähnliche Aussage abliefern, wie sie auch der Kandidat Jaroslav Romantschuk gemacht hat. Ich habe das abgelehnt, was den KGB irritierte. In meiner Wahlkampagne bin ich nicht als harscher Kritiker des Regimes aufgetreten. Ich habe mich nicht als klassischer Oppositionskandidat verkauft, also dachte der KGB wohl, dass man mich ganz leicht dazu bringen könnte, diese Aussagen zu machen. Aber es gab einfach keinen Grund für mich, die anderen Kandidaten zu beschuldigen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mittlerweile öffentlich erklärt, dass Sie im Gefängnis gefoltert wurden. Wie sah die Folter aus?

Michalewytsch: Ich und andere Gefangene wurden im Gefängnis fünf, sechs Mal täglich einer Leibesvisitation unterzogen. Diese Durchsuchungen wurden von Männern in schwarzen Masken durchgeführt. Dabei mussten wir nackt mit gespreizten Beinen stehen, wobei unsere Beine zu einer Spreizung fast im Spagat gezwungen wurden. Wenn unsere Beine aus dieser Stellung gelöst wurden, hatte ich ein Gefühl, als würden meine Bänder reißen und es war schwer danach zu gehen. Wir mussten nackt einen Meter von der Wand entfernt stehen, maskierte Männer zwangen uns, mit den Händen gegen die Wand zu lehnen. In einem Raum, dessen Temperatur nicht zehn Grad überstieg, wurden wir auf diese Weise vierzig Minuten lang festgehalten, bis unsere Hände angeschwollen waren. Mehrmals wurde mir befohlen, meine Hände mit den Handflächen nach oben an die Wand zu stützen und in dieser Position stehenzubleiben. Es gab aber auch noch andere Foltermethoden.

ZEIT ONLINE: Wie geht es Ihnen heute?

Michalewytsch: Wieder besser. Noch einem Monat nach meiner Entlassung bin ich ständig nachts aufgewacht. Meine Frau hat mir erzählt, dass ich immer wieder ihre Hand zurückgewiesen habe, als sie mich an der Hand oder am Handgelenk berührte, um mich zu beruhigen.

ZEIT ONLINE: Am 19. Februar 2011 wurden sie entlassen, nachdem sie im Gefängnis eine Erklärung unterschrieben hatten, mit der sie dem KGB ihre künftige Zusammenarbeit bestätigten.

Michalewytsch: Ich habe diese Erklärung freiwillig unterschrieben, ich wurde durch keinerlei Druck oder Folter dazu gezwungen. Mir ging es darum, nach meiner Entlassung die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie die Gefangenen vom KGB behandelt wurden, wie die Haftbedingungen waren. Ich habe diese Zusammenarbeitserklärung als Mittel zum Zweck benutzt. Hätte ich sie nicht unterschrieben, säße ich wohl immer noch im Gefängnis. Ich war nie ein Agent des KGB und hatte keinerlei Absicht, einer zu werden.