Es ist wieder etwas Ruhe eingekehrt auf dem Gelände des Intercontinental in Kabul. Acht bewaffnete Taliban hatten in der Nacht zu Mittwoch das schwer bewachte Hotel gestürmt und sich stundenlange Gefechte mit afghanischen Sicherheitskräften geliefert. Noch am Morgen stiegen dicke Rauchschwaden vom Dach des riesigen Gebäudekomplexes auf. Es waren Spuren der Konfrontation mit einem Isaf-Helikopter, der gegen drei Uhr nachts in das Geschehen eingriff und die Taliban-Operation schließlich mit Raketenbeschuss beendete. Ein Dutzend Menschen starb.

Der Angriff erfolgt nur eine Woche nach der Ankündigung des US-Präsidenten Barack Obama, im Laufe des Sommers Zehntausende Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Die internationalen Truppen wollen die Sicherheitsverantwortung im Land schrittweise an afghanische Kräfte übergeben. Bis zum Jahr 2014 sollen 354.000 afghanische Polizei- und Armeekräfte aus eigener Kraft die Stabilität des Landes garantieren.

Die Räumlichkeiten des Intercontinental sollten am Mittwoch eine zweitägige Konferenz beherbergen, auf der die Modalitäten der Übergabe diskutiert werden sollten. Das politische Kalkül der Angreifer und ihrer Hintermänner ist damit klar.

Militäroperation mit Insiderwissen

Die Aufständischen torpedieren eine neue afghanische Ordnung. Diese entpuppt sich als Illusion. Im Moment wird das "neue Afghanistan" noch durch internationale Finanzspritzen und ausländische Besatzungstruppen sowie Geheimagenten gesichert. Doch der jüngste Anschlag zeigte einmal mehr die Brüchigkeit dieser Illusion: Die acht Angreifer, die mit Gewehren, Sprengstoffwesten und Raketenwerfern ausgerüstet waren, konnten trotz Checkpoints und zahlreicher bewaffneter Sicherheitsleute das Hotel passieren und sich für Stunden darin verschanzen.

Die Vermutung liegt daher nahe, dass sie interne Informationen aus dem afghanischen Sicherheitsapparat bekamen. "Die Angreifer wussten, worauf sie sich vorzubereiten hatten", sagt Thomas Ruttig, einer der profiliertesten Afghanistan-Kenner vor Ort. Ein Angriff auf solch einen großen Gebäudekomplex sei sonst schwer zu koordinieren.

Derzeit rechnet der afghanische Geheimdienst NDS mit circa 120 bis 150 Schläfern, die jederzeit von den Taliban aktiviert werden können. 47 Isaf-Soldaten sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren von afghanischen Soldaten oder Polizisten getötet worden. "Die Armee kann nicht jeden neuen Rekruten individuell überprüfen", erklärt ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums und verweist auf die 8.000 Neuankömmlinge pro Monat.

Die Isaf will ihre Strategie nicht überarbeiten

Vor allem die Tatsache, dass die Gefechte zwischen Angreifern und afghanischen Sicherheitskräften erst durch die Luftunterstützung der Internationalen Schutztruppe beendet werden konnten, wirft Fragen auf. Kann die afghanische Regierung in Zukunft auch ohne internationale Unterstützung solchen Angriffen Paroli bieten? Die Isaf jedenfalls sieht keinen Grund, die Modalitäten des Übergangsprozesses neu zu überdenken. Dies würde lediglich den Aufständischen "in die Hände spielen", sagt der neue Isaf-Sprecher Carsten Jacobson. Überhaupt gebühre der Schutztruppe nur "begrenzte" Lorbeeren für ihren Einsatz, bügelt Jacobson ab: "90 Prozent der erfolgreichen Operation gehen auf das Konto der afghanischen Sicherheitskräfte." Sie seien mit der komplexen Situation "relativ schnell" und vor allem "sehr entschlossen" umgegangen.