Gewonnen und doch verloren. Das ist die Bilanz des Wahltags für Tayyip Erdoğan. Der türkische Premier wurde zum dritten Mal wiedergewählt, er hat die AKP zur verlässlich stärksten Partei gemacht, er hat mehr Stimmen als je zuvor erhalten, er hat an der Fünfzigprozent-Marke gekratzt , was zuvor nur den Ministerpräsidenten Menderes und Demirel gelang, aber vor mehr als vierzig Jahren.

Historisch und überwältigend ist das – und doch hat Erdoğan sein erklärtes Wahlziel verfehlt : eine verfassungsändernde Mehrheit im Parlament. Darauf hatte der Premier seinen Wahlkampf abgestimmt, hatte die Latte für sich selbst so hoch gelegt. Mehr als 330 Sitze im Parlament wollte er bekommen, um das Grundgesetz ändern und neue Artikel per Referendum durchsetzen zu können. In den letzten Tagen vor der Wahl träumte er gar von mehr als 367 Sitzen, was der AKP ermöglicht hätte, eine neue Verfassung ohne Opposition und Referendum zu schreiben.

Aus der Traum. Erdoğans AKP war nie so populär im Volk, aber nie so schwach im Parlament. Trotz ihrer sensationellen Stimmenzahl erhält sie nur 326 Sitze, weil auch ihre Gegner gut abschnitten. Hier kommt die Sitzarithmetik ins Spiel. Die nationalsäkulare CHP konnte 5 Prozent hinzugewinnen und ihre Sitzzahl erheblich ausbauen, die kurdische BDP vergrößerte ihre Sitzzahl um 70 Prozent, auch auf Kosten der AKP in den Kurdengebieten, die rechtsextreme MHP erlitt nur leichte Verluste und bleibt – anders als von Erdoğan erhofft – im Parlament. Überdurchschnittlich viele Stimmen verloren jene Splitterparteien, die schon vorher nicht im Parlament vertreten waren. So sind – und das ist gut für die türkische Demokratie – trotz Zehnprozenthürde relativ wenige Stimmen verloren gegangen.

Für Erdoğan bedeutet das: Eine neue Verfassung bekommt er nur in Zusammenarbeit mit der Opposition. Für seine türkischen Gegner und viele westliche Erdoğan-Kritiker bedeutet das: Das Gerede von einem "türkischen Putin", von einem Alleingang Erdoğans in ein neues Präsidialsystem, von einer "AKP-Diktatur" verliert in der politischen Realität seine Grundlage. Erdoğan kann natürlich wie bisher ganz normale Gesetze verabschieden lassen. Doch hat er die Möglichkeit verloren, wie noch 2010 verfassungsändernde Artikel in einem Referendum dem Volk vorzulegen. Er muss sich künftig mehr abstimmen, Kompromisse suchen. Natürlich begriff er sofort, was die Sitzzahl für ihn bedeutet. Noch in der Wahlnacht streckte er den politischen Gegnern die Hand entgegen. Hoffentlich nehmen alle Seiten den Zwang zum Kompromiss ernst.

Vor Erdoğan liegt viel Arbeit

Die Zahl der Aufgaben ist riesig. Die Türkei muss dringend ihre halbautoritäre, 1982 von den Generälen diktierte Verfassung durch eine neue ersetzen. Das Verhältnis von Hauptstadt und Provinzen muss neu geregelt werden: durch starke Provinzverwaltungen, Neuverteilung des Geldes, Bürgermeisterwahlen mit Bedeutung. Das politisierte, ineffiziente Justizsystem muss generalrenoviert werden, angefangen bei der Juristenausbildung, fortgesetzt bei der Verschlankung der Instanzen und Entscheidungsprozesse und noch nicht endend bei der Vereinfachung und Klarstellung schlecht geschriebener und widersprüchlicher Gesetze. Das Verhältnis von Kurden und Türken muss dringend auf eine neue Ebene gestellt werden, bevor der Graben zu tief wird. Die Kurden sollten in ihren Regionen mehr über eigene Belange entscheiden können, der militante Nationalismus der PKK sollte durch Amnestien und Ende aller Militäroperationen entschärft werden.

Die Chance der Türkei ist nun, dass ein populärer, vom Volk gestärkter Erdoğan mit einer selbstbewussten Opposition verhandeln könnte. Die nationalsäkulare CHP hätte Gelegenheit zu beweisen, wie ernst es ihr mit ihren demokratisch und kurdenfreundlich klingenden Wahlkampfprogrammen ist. Die kurdische BDP muss zeigen, ob sie bei aller persönlichen Abneigung doch mit Erdoğan einen Deal machen kann. Tayyip Erdoğan sollte endlich Farbe bekennen, ob er mit der BDP ins Geschäft kommen kann. Vor allem AKP und die gestärkte kurdische BDP wären von ihrem ideologischen Profil her geeignet, in Fragen der kulturellen Rechte der Kurden, beim Justizsystem, bei der Dezentralisierung und für eine Entpolitisierung der Armee zusammenzuarbeiten.

Die Gefahr für die Türkei ist, dass sich die Parteien erneut unfähig zum Kompromiss zeigen, dass kurzfristige Umfrageergebnisse wichtiger scheinen als eine neue Verfassung, dass Reformen im politischen Hick-Hack versanden – wie schon nach der Wahl 2007. Der Preis dafür aber wäre diesmal viel höher. Denn die Probleme des Landes – vor allem bei den Kurden und in der Justiz – wachsen schneller, als viele Politiker ahnen.