Der kanadische General Charles Bouchard, Oberkommandeur des Nato-Einsatzes in Libyen, hat das versehentliche Bombardement eines Wohnhauses in Tripolis bedauert. Dabei waren allem Anschein nach mehrere Menschen getötet worden. Nach Angaben der libyschen Regierung starben neun Zivilisten, darunter zwei Kleinkinder.

"Obwohl wir die Einzelheiten des Zwischenfalls noch ermitteln, scheint es so, dass ein Fehler in einem Waffensystem diesen Zwischenfall verursacht hat", sagte Bouchard in seinem Hauptquartier in Neapel. Es sehe so aus, als ob eine Bombe nicht das beabsichtigte Ziel getroffen habe. "Die Nato bedauert den Verlust unschuldiger Menschenleben, und sie geht sehr sorgsam vor im Kampf gegen ein Regime, das entschlossen ist, Gewalt gegen seine eigenen Bürger anzuwenden", teilte das Militärbündnis weiter mit.

Kurz nach dem Luftangriff brachten die libyschen Behörden ausländische Journalisten zu dem zerstörten Wohnhaus. Diese beobachteten, wie eine Leiche aus den Trümmern geborgen wurde. Zahlreiche Nachbarn halfen bei den Bergungsarbeiten. Später wurde den Reportern in einem Krankenhaus auch die Leiche eines Kleinkindes gezeigt. Dies sei ein weiterer Beweis für die Brutalität der Nato, sagte ein Regierungssprecher.

Ob die Leichen aus dem zerstörten Gebäude stammten, konnte nicht unabhängig bestätigt werden. Die Journalisten erreichten das Gebäude eineinhalb Stunden, nachdem in der Hauptstadt eine laute Explosion zu hören gewesen war. Während nach früheren Luftangriffen Rauch aus den Trümmern aufstieg, war davon in diesem Fall nichts zu sehen. Kürzlich hatte ein Mitarbeiter desselben Krankenhauses Reportern einen Zettel zugesteckt, auf dem es hieß, ein bei einem Autounfall verletztes Kind sei von der Regierung zum Luftangriff-Opfer erklärt worden.

Für die Nato könnte sich aus dem Vorfall eine weitere Zerreißprobe entwickeln. Das Bündnis sieht sich mit schwerer Kritik der Rebellen konfrontiert. Sie werfen den westlichen Verbündeten mangelnde Unterstützung im Kampf gegen Machthaber Muammar al-Gadhafi vor.

"Alles geht zur Neige", sagte Ali Tarhuni, der bei den Aufständischen für Finanzen und Öl zuständig ist. Die westlichen Länder begriffen dies entweder nicht oder es sei ihnen egal. Er sei es inzwischen leid, die Politiker aus Europa und den USA wieder und wieder auf ihre Zusagen anzusprechen. "Wir reden mit so vielen Menschen in all diesen Ländern und auf all diesen Konferenzen und sie halten großartige Reden", sagte Tarhuni. "Politisch wissen wir das zu schätzen, aber was die Finanzen anbetrifft, sind sie ein kompletter Ausfall. Unsere Leute sterben."

Der Militäreinsatz koste die Rebellen umgerechnet täglich geschätzte 60 Millionen Euro, sagte Tarhuni. Woher das Geld kommen soll, ist nicht klar. Das Öl in der von den Aufständischen kontrollierten Region falle gegenwärtig als Einnahmequelle aus. "Ich rechne nicht damit, dass wir demnächst Öl produzieren. Die Raffinerien haben kein Rohöl, also laufen sie nicht", sagte Tarhuni.

Ein weiteres Problem entsteht zudem in den USA. Dort pochen die oppositionellen Republikaner darauf, dass Präsident Barack Obama für eine Fortsetzung der US-Beteiligung an dem Einsatz die Genehmigung vom Kongress benötige. Obama sieht dies anders. Doch der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, John Boehner, hat mit einem Abbruch der Finanzierung des Einsatzes gedroht.

Der internationale Militäreinsatz in Libyen stützt sich auf ein UN-Mandat, das zum Schutz von Zivilisten den Einsatz militärischer Gewalt zulässt. Seit Übernahme der Führung des Militäreinsatzes durch die Nato am 31. März sind nach deren Angaben mehr als 4.400 Kampfeinsätze gegen militärische Ziele in Libyen geflogen worden.