Donald Tusk hatte es doch nur gut gemeint. Als ihm die Gastgeber bei einem Besuch in Kroatien kürzlich einige frische Erdbeeren hinhielten, verspeiste er die Portion mit sichtlichem Genuss. "Lecker, besser als unsere", schwärmte der polnische Regierungschef zwischen zwei Bissen. Doch kaum hatte er diesen Satz zusammen mit den Früchten heruntergeschluckt, brach in Tusks Heimat ein Sturm der Entrüstung los. Polen gilt als Erdbeerland, der Premierminister aber lobte die ausländische Konkurrenz: "Das ist ein absoluter Skandal", ereiferte sich Lucjan Cichosz, der Chef eines Bauernverbandes, der den Namen "Heimat" trägt.

Doch Premier Donald Tusk biss die Zähne zusammen und machte aus der Not eine Tugend. Heimische Erdbeeren sind mittlerweile Teil der Marketingkampagne seines Landes zur polnischen EU-Ratspräsidentschaft, die Freitag beginnt. Für das Land, seit 2004 Mitglied in der Europäischen Union, ist diese Zeit an der Spitze der Gemeinschaft eine wichtige Bewährungsprobe. Und bei manchen von Tusks Landsleuten sind die Zweifel geblieben, nicht nur wegen des Früchte-Fauxpas: Kann er das? Kann Tusk EU-Ratspräsident?

Die Frage stellt sich in diesen Tagen auch andernorts. Mit einer Mischung aus Hoffnung und Skepsis schauen Brüsseler Beamte, Straßburger Parlamentarier und vor allem die Staats- und Regierungschefs der EU nach Warschau. Das größte der osteuropäischen Beitrittsländer übernimmt erstmals für sechs Monate die Führungsrolle in der Union. Angesichts der Euro-Krise ist dort vor allem erstklassiges Politik-Management gefragt. Sind die Polen dazu in der Lage?

Tusk selbst will daran keinen Zweifel lassen: "Wir sind ein Vorbild für ganz Europa", sagt er – und daran ist viel Wahres. Ökonomisch steht Polen nach Jahren beständigen Wachstums blendend da. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit dem EU-Beitritt mehr als verdoppelt, die Arbeitslosenquote ist von fast 20 auf 12 Prozent gesunken. Die globale Wirtschaftskrise ist an dem Land fast unbemerkt vorbeigegangen.

Mehr noch: Polens Staatsfinanzen sind dank einer in der Verfassung verankerten Schuldenbremse grundsolide. Und auch politisch ist das Land ein Hort der Stabilität. Vorbei ist es mit den Dramen und lauten Tönen, die das Land Während der Regierungszeit der Kaczynski-Brüder in Atem hielten. Während in Südeuropa die Jugendlichen protestieren und in manchen nördlichen Ländern Rechtspopulisten auftrumpfen, herrscht in Warschau relative Ruhe. Tusks liberal-konservative Regierung steht vor einer kaum gefährdeten Wiederwahl.

Doch genau diese Wahl könnte für die selbst ernannte europäische Führungsmacht auf internationaler Ebene zum Problem werden. "Für die Ratspräsidentschaft ist es verheerend, dass in Polen ausgerechnet jetzt der Wahlkampf beginnt", analysiert Agnieszka Lada vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau. Im Oktober wählen die Polen ein neues Parlament. "Bis dahin kann Tusk kein unpopuläres Krisenmanagement betreiben", erläutert Lada. Und: "Die Regierungsbildung fällt zu allem Überfluss genau in die kritische Phase vor dem EU-Gipfel im Dezember."

Zusätzlich kompliziert wird die Zeit an der EU-Spitze für Polen, weil das Land selbst nicht Mitglied in der Euro-Zone ist. Premier Tusk muss sich also um die Rettung einer Währung kümmern, die bei ihm gar nicht gilt. Warschau macht zwar beim Anti-Krisenpakt "Euro Plus" mit und beteiligt sich demonstrativ mit 250 Millionen Euro an der Griechenland-Hilfe. "Das ist im gemeinsamen europäischen und im polnischen Interesse", sagt Tusk. Dennoch kämpft er mühsam um mehr Einfluss in Brüssel. Solange die harten Entscheidungen bei Zweiertreffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy oder im geschlossenen Kreis der Euro-Finanzminister fallen, dürfte dem EU-Primus Polen im kommenden Halbjahr kaum mehr als die Rolle des Zeremonienmeisters bleiben.