Die Umbrüche des vergangenen halben Jahres haben die politischen Realitäten im Nahen Osten verändert – auch für Palästinenser und Israelis. Obwohl der Weg zum Frieden noch lang ist, könnten die neuen Bedingungen beide Seiten wieder an den Verhandlungstisch bringen.

Israel hat all seine Freunde im Nahen Osten verloren: im vergangenen Jahr die Türkei nach dem Eklat um die Gaza-Flottille und die Mavi Marmara, vor kurzem Ägyptens Präsidenten Hosni Mubarak. König Abdullah von Jordanien ist nicht stark genug, um zu helfen, und bemüht sich um Aufnahme in den Golf-Kooperationsrat. Israel kann nicht länger für sich in Anspruch nehmen, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein – noch kann es den zum Symbol für Demokratie und Menschenrechte avancierten Arabischen Frühling einfach als eine Bewegung gefährlicher Fundamentalisten oder Terroristen brandmarken. Weite Teile der Weltöffentlichkeit unterstützen das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat – Israel ist heute isolierter als je zuvor.

Auch auf die Situation der Palästinenser hat sich der Arabische Frühling ausgewirkt, in mehrfacher Hinsicht. Erstens hat er dazu geführt, dass die palästinensische Öffentlichkeit verstärkt Druck auf Fatah und Hamas ausgeübt hat und so nach Jahren der Feindschaft eine Versöhnung zwischen den beiden Lagern herbeiführen konnte. Zweitens ist er eine zusätzliche Triebfeder für die palästinensische Autonomiebehörde, im September vor den Vereinten Nationen die Anerkennung eines palästinensischen Staates zu fordern. Drittens hat er erneut friedliche Proteste gegen die israelische Besatzung und zivilen Ungehorsam im Westjordanland und andernorts ausgelöst.

Davon ist auch die Hamas unmittelbar betroffen. Der Arabische Frühling hat deutlich gemacht, dass die Menschen Demokratie statt radikalen Islamismus, friedlichen Protest statt Gewalt wollen. Und so ist die Hamas infolge der jüngsten Ereignisse auf Distanz gegangen zu Syrien und Iran und hat sich stattdessen stärker Ägypten angenähert. Dennoch, in den jüngsten Meinungsumfragen im Westjordanland und in Gaza lagen die Zustimmungswerte für die Hamas bei nicht mehr als 25 Prozent.

Auch die US-Regierung befindet sich in einer schwierigen Lage. Einerseits konnte Präsident Obama mit seiner Unterstützung des demokratischen Wandels in der arabischen Öffentlichkeit punkten. Andererseits: stimmen die USA im September im UN-Sicherheitsrat gegen die Anerkennung eines palästinensischen Staates – obwohl der Rest der Welt, darunter auch viele westliche Länder, dieses Vorhaben unterstützen – wird das Ansehen der USA in der arabischen Welt erneut leiden. Dies erklärt auch, warum sich Präsident Obama so nachdrücklich für die Zwei-Staaten-Lösung auf der Grundlage der Grenzen von 1967 ausgesprochen hat, obwohl er wusste, dass dies bei der aktuellen israelischen Regierung auf wenig Gegenliebe stoßen würde.

Allen beteiligten Parteien sollte klar sein, dass die neuen Bedingungen im Nahen Osten die Chance bieten, dem Friedensprozess neues Leben einzuhauchen. Daher sollten sie auf eine abschließende Beilegung des Konflikts drängen.