Es brandete gewaltiger Jubel auf, nachdem Håkan Juholt die letzten Sätze seiner Antrittsrede vorgetragen hatte. Ende März war das, Schwedens Sozialdemokraten schöpften erstmals seit Ewigkeiten wieder so etwas wie Hoffnung. Juholt, ihr neuer Chef, sprach vielen schwedischen Genossen aus Seele: Er wetterte gegen den Ausverkauf des Wohlfahrtstaates, gegen einen Steuersenkungswettbewerb mit den regierenden Moderaten und warb für eindeutige sozialdemokratische Konturen. Deutliche Worte in unruhigen Zeiten. Das hatten die schwedischen Sozialdemokraten lange nicht mehr zu hören bekommen. Mit der unerwarteten Nominierung Håkan Juholts will die stolze und ruhmreiche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SAP) wieder dahin, wo sie länger als fast alle europäischen Parteien war: zurück an die Regierung.

Juholts Vorgängerin Mona Sahlin war das nicht vergönnt. 2007 wurde sie nach dem Wahldebakel im Vorjahr als erste Frau an die Spitze der schwedischen Sozialdemokratie gewählt. Vier Jahre später ist ihr Intermezzo schon wieder beendet. Dabei begann alles so hoffnungsvoll: Mit Sahlin wollten die Genossen im Norden ihr altbackenes Image abwerfen und für neue Wählergruppen – speziell in den Großstädten – attraktiver werden. Und auch innerparteilich hatte sich die Chefin einiges vorgenommen. In verschiedenen Ratschlagsgruppen sollten Parteimitglieder und Bürger Vorschläge an die Parteiführung weiterreichen und damit den Kurs der SAP mit beeinflussen. Doch trotz der Annährung an die Basis: Bei der Wahl 2010 schaffte es die Partei nur auf 30,7 Prozent. Das schlechteste Wahlergebnis seit 1914. Die Richtung der SAP erschien unklarer denn je.

Wo liegen aber die Gründe für den Niedergang in der ehemaligen sozialdemokratischen Hochburg Schweden? Neben Problemen in den Großstädten, den sinkenden Mitgliederzahlen der Gewerkschaften und der starken Konkurrenz um Wähler der Mitte durch die mehr und mehr sozialstaatsfreundlichen "neuen Moderaten" hat die Partei das verloren, was sie lange Zeit ausgezeichnete: Konstanz, Berechenbarkeit und eine klare sozialdemokratische Deutungsperspektive. Unter Sahlin hechelte die SAP mehr der bürgerlichen Regierung, geführt vom smarten Ministerpräsidenten Reinfeldt, hinterher als selbst Akzente zu setzen. Getrieben von der Sorge, noch mehr Wähler der Mittelschicht in den Großstädten zu verlieren, zerrieb sich die SAP an der Frage, wie in Schulen Noten gegeben werden sollen und stritt darüber, ob Gewinne im Wohlfahrtssektor zulässig sind oder nicht.

Durch diese Fokussierung auf eine diffuse Mittelklasse und deren angeblichen liberalen Politikvorstellungen gab die SAP Teile ihrer generösen Wohlfahrtsprogramme auf. Damit verloren die Genossen aber nicht nur die Deutungshoheit über ihr ureigenes wohlfahrtstaatliches Projekt, sondern blieben auch sprach- und konzeptlos was mögliche Alternativen zur bürgerlichen Agenda angeht. Anstatt durch eine umfassende Wohlfahrtspolitik Brücken zwischen verschiedenen Gesellschaftssegmenten zu bauen, verharrte die SAP in kleinteiligen Debatten und abseitigen Fragen, die weder der Mittelklasse noch den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern gerecht wurden. Die Folge: Das einst erfolgreiche Bündnis von Arbeitern und mittleren Angestellten weichte drastisch auf.