Franco, das Heer und die Guardia Civil sind die neuen Helden – Seite 1

Der Skandal hat ganz harmlos begonnen, mit einer Zeremonie bei Hofe. Repräsentanten der Königlichen Akademie für Geschichte in Madrid überreichten König Juan Carlos I. die ersten Bände des Diccionario Biografico Español . Würdig, festlich, stimmungsvoll. Auch die sozialistische Kulturministerin und einige andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens waren dabei. Sie ahnten nichts Böses. Niemand tat das. Warum auch?

In dieser Biografien-Sammlung soll in etwas mehr als 40.000 Aufsätzen, verfasst von insgesamt rund fünftausend sachkundigen Experten, ein Panorama des historischen Personals Spaniens ausgebreitet werden. Fünfzig Bände braucht das und billig ist es auch nicht, 5,8 Millionen Euro wird der Staat zuschießen. Das Land hat eine lange Geschichte. Bisher liegt die Hälfte des Gesamtwerks vor. Allerhand.

Alarm beim Eintrag Franco

Diese 25 blassblauen Bände allerdings, das weiß man inzwischen, bergen nicht nur viel Text sondern zugleich aktuellen politischen Sprengstoff. Man könnte auch sagen: eine ganze Batterie ideologischer Leuchtraketen. Und so ist, obwohl das Land fürwahr andere Sorgen hat , ein heftiger Historikerstreit im Gang. Denn bald zeigten erste Leseproben, dass das ehrgeizige Werk in entscheidenden Kapiteln keineswegs eine nüchterne Bestandsaufnahme der spanischen Geschichte ist.

Historiker im In- und Ausland, die am Projekt nicht beteiligt waren, haben sogleich bei F wie Francisco und Franco nachgeblättert. Das liegt nahe. Deutsche Leser würden eine neue Brockhaus-Edition einem ersten Lektüre-Stresstest vermutlich unter dem Buchstaben H wie Hitler, Himmler oder Holocaust unterziehen. Die Franco-Testlesung löste den ersten Alarm aus: Der Eintrag über den Putschisten, Bürgerkriegssieger und Nachkriegsdiktator (bis 1975) entpuppt sich, gekleidet in scheinbar objektive Faktenaufzählung, als hagiografische Beschreibung des spanischen Führers , dessen Herrschaft auf die Formel reduziert wird: "autoritär, aber nicht totalitär". Streng, aber nicht diktatorisch. Alles klar?

AutorLuis Suárez

"Pseudohistorisch", nannte das ein Autor in der linksliberalen Zeitung Publico , die als erste reagierte. Und der britische Historiker Paul Preston, Verfasser eines Standardwerks über Franco, sagte, das sei so, als schreibe man: "Schwarz ist weiß".

Autor des skandalisierten Artikels über den Generalísimo ist der in Fachkreisen bekannte spanische Mediävist Luis Suárez. Er sei zu dieser Arbeit eingeladen worden ("Es war ein Auftrag"), versichert er. Die Akademie besteht allerdings darauf, dass er sich selbst gemeldet und um den "Auftrag" bemüht habe. Das klingt plausibel. Professor Suárez hat sich für Franco schließlich, gelinde gesagt, schon immer interessiert. Geboren im Jahr 1924, war er zumindest als Kind Zeitzeuge des Bürgerkriegs (1936 bis 1939), erst recht erlebte er die anschließende Herrschaft der falangistischen Sieger (deren Exekutionskommandos fielen in den ersten Jahren nach dem Krieg mehr Oppositionelle zum Opfer als zuvor in den Kampfhandlungen). Suárez ist außerdem ein Mitglied der Brüderschaft des Tals der Gefallenen ( Hermandad del Valle de Los Caidos ), eine von Franco nach dem Krieg in Auftrag gegebene monströse Anlage außerhalb von Madrid, heute offiziell eine Gedenkstätte für alle Opfer des Bürgerkriegs, de facto aber immer noch eine Kultstätte für die Franquisten aller Generationen.

Dass Suárez den Franco-Beitrag unbedingt verfassen wollte, kann man, so gesehen, durchaus verstehen. Sein Anliegen war, versichert er, dass sauber wissenschaftlich gearbeitet werde. Deshalb wollte er den Diktator auch nicht Diktator nennen. Dieser Terminus, sagt er in einem Interview, sei unwissenschaftlich und parteilich, nicht objektiv. Außerdem: "Das Wort Diktator oder Diktatur ist vom Regime zu keinem Zeitpunkt benutzt worden." Das ist kein Witz, sondern ein Zitat aus dem Interview, dass er der unverdächtigen konservativen Zeitung El Mundo gab.

Darin versichert Suárez auch, dass er an dem Text nichts ändern werde, was nämlich die inzwischen aufgeschreckte Kulturministerin verlangt. Auch der Präsident der Akademie wollte, ehe er dann halbherzig zumindest "Ergänzungen" in Aussicht stellte, von Korrekturen nichts wissen. Ebenfalls El Mundo sagte er, warum: Da gebe es nichts zu redigieren, er wisse das: "Ich habe in jener Epoche gelebt."

Auf diesem vorwissenschaftlichen Niveau ist es allerdings schwer, zu streiten, geschweige denn eine seriöse Debatte zu führen. Es geht hier nicht um Geschichte. Es geht um Politik.

Ein ähnliches Phänomen in anderen Ländern

Das wird auch an anderen Stellen in den 25 Bänden deutlich. Es ist wie mit der Suche nach Plagiaten in Promi-Dissertationen . Man sucht und findet. Zum Beispiel in der Biografie eines Bürgerkriegsgenerals: Hier werden die antifaschistischen Widerstandskämpfer (" Maquis "), die nach dem Sieg Francos noch aktiv waren, als "Terroristen" und "Banditen" kategorisiert. Die Botschaft ist unübersehbar: Die Helden, das waren die Sieger: Franco, das Heer und die Guardia Civil . Die anderen waren die Verlierer, die Gegner der Ordnung, der Kirche, des Vaterlands. Leute wie, ein Beispiel, der Großvater des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero, der Ministerpräsident, dessen Zeit abläuft.

Sehnsucht nach einer starken Hand

Die Bösen sind die Guten: Geschichtsrevisionismus anno 2011. Irgendwie passt diese Operation in die Landschaft. Natürlich ist es Zufall, dass dieses Projekt, Ende der 1990er Jahre von der konservativen Regierung Aznar auf den Weg gebracht, in der aktuellen Schwächeperiode der Regierung Zapatero aus der Tiefe der Königlichen Akademie an die Oberfläche kommt. Übrigens, dass Aznar in seiner Kurzbiografie gut weg kommt, überrascht nicht: Über die Gründe für seinen Machtverlust 2004, nämlich den Versuch seiner Partei, die Urheberschaft der Madrider Al-Qaida-Attentate wenige Tage vor dem Wahltag der baskischen Eta in die Schuhe zu schieben, wird geflissentlich geschwiegen.

Man gewinnt den Eindruck, dass hier eine neue gedächtnispolitische Front aufgerichtet wird, die in der gegenwärtigen Schwächeperiode der Demokratien die wachsenden Sehnsüchte nach der starken Hand bedient. Alte hierarchische Ordnungen werden beschworen, stramme Führung wird verlangt und entschlossenes Durchgreifen. Zeitgeistpolitik, unterfüttert mit Neuinterpretation der Geschichte. Die Vergangenheit zurück gewinnen, um die Gegenwart zu verändern?

Keine Verschwörung

Ganz neu ist das nicht, aber es wird irgendwie modern. Ungarns rechtskonservativer Ministerpräsident Órban greift zwecks Festigung seiner Mehrheit 90 Jahre zurück bis zum Friedensvertrag von Trianon, der dem Land Gebietsverluste beschert hatte: Die Opferrolle verspricht weitere Erfolge im politischen Kampf, eine Neubewertung des Horthy-Regimes steht noch aus, aber die ungarischen Rechtsextremisten tragen bereits die Uniform jener Zeit.

In Österreich ist der Kampf um die Interpretation der Zeit des Minidiktators Engelbert Dollfuss noch nicht entschieden. Im Milieu der konservativen Volkspartei pflegt man den Mythos des ermordeten Kanzlers als "erstes Opfer" der Nazis.

Mussolinis Bedeutung für das italienische Selbstverständnis ist gleichfalls ungeklärt, so wie in Frankreich der "Petain-Mythos" im einschlägigen Milieu wach gehalten wird: Eine Option für Marine Le Pen?

Alles zufällig, keine Verschwörung, nichts ist geplant. Und doch ist der aktuelle Zwischenfall in Spanien ein Zeitsymptom. Die Demokratien, die im Moment keine stolze Gestalt und wenig Profil zeigen, sollten nicht überreagieren. Aber auch nicht kleinlaut weggucken, wenn die Geister von gestern meinen, ihre Zeit sei wieder gekommen.