Das syrische Militär hat seinen Einfluss im Norden des Landes ausgeweitet: Nach Dschisr al-Schogur standen Soldaten am Mittwoch Bewohnern zufolge auch kurz vor der Einnahme der Widerstandshochburg Maarat al-Numan.

"Autos strömen aus Maarat al-Numan in alle Richtungen", sagte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur Reuters in einem Telefonat. "Die Leute laden sie mit allem voll, Decken, Matratzen auf den Dächern." Die Bevölkerung wurde nach Angaben von Bewohnern über die Lautsprecher der Moscheen zur Flucht aufgerufen: "Die Armee kommt, bringen Sie sich und Ihre Familien in Sicherheit." Ein Beobachter sagte, mehr als zwei Drittel der Bevölkerung habe die muslimische Pilgerstadt bereits verlassen. Weitere Truppen würden außerdem mit Hubschraubern in die Region geflogen.

In der 100.000-Einwohner-Stadt Maarat al-Numan hatten in den vergangenen Wochen wie in vielen anderen Orten Tausende Menschen gegen Assad protestiert. In staatlichen Medien hieß es, die Sicherheitskräfte gingen gegen "die restlichen Mitglieder von bewaffneten Terroristengruppen" vor.

Gleichzeitig stieß das syrische Militär nach Angaben von Augenzeugen Hunderte Kilometer weiter östlich mit Panzern auf die Städte Deir al-Sor und Albu Kamal an der Grenze zum Irak vor.

Vor wenigen Tagen war die Armee in die Stadt Dschisr al-Schogur eingerückt, nachdem nach Darstellung der syrischen Führung "bewaffnete Banden" Anfang Juni 120 Sicherheitskräfte getötet hatten. Augenzeugen sagten dagegen, die Getöteten hätten die Seite gewechselt und zusammen mit Bewohnern eine Polizeikaserne gestürmt, nachdem die Polizei 48 Zivilisten getötet habe. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist schwierig, da Syrien die Berichterstattung ausländischer Korrespondenten nahezu völlig unterbunden hat.

Tausende Syrer suchen unterdessen ihr Heil in der Flucht. Viele schafften es über die Grenze in die Türkei, wo bereits mehr als 8.500 Menschen, die Hälfte von ihnen Frauen und Kinder, in vier Flüchtlingslagern untergekommen sind. Zehntausend sollen sich entlang der Grenze noch auf syrischer Seite versteckt halten.

UN werfen Syrien “exzessive Gewalt“ vor

Insgesamt sind seit Beginn der Massenproteste gegen Präsident Assad vor drei Monaten nach Angaben von syrischen Menschenrechtsgruppen 1.300 Zivilisten und mehr als 300 Soldaten und Polizisten getötet worden. Die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay, legte am Mittwoch einen ersten Bericht vor, in dem den syrischen Sicherheitskräften "die exzessive Anwendung von Gewalt zur Unterdrückung von Demonstranten" vorgeworfen wird, sowie willkürliche Festnahmen, standrechtliche Hinrichtungen und Folter. Der Bericht beruht auf Angaben von Aktivisten, Medien, Menschenrechtsgruppen, Opfern und Augenzeugen.

Einige Flüchtlinge gaben an, sie seien nicht nur von Soldaten, sondern auch von Alawiten beschossen worden, die Assad loyal gesinnt sind. Ganze Landstriche und Anbauflächen würden in Brand gesetzt, so dass die Menschen in der Region nichts hätten, von dem sie künftig leben könnten. Die Regierung warf "bewaffneten Banden" vor, Urheber dieser "Sabotageakte" zu sein.

In Damaskus demonstrierten unterdessen Tausende Assad-Anhänger. Viele hielten Fotos des Präsidenten, dessen Familie das Land seit vier Jahrzehnten autokratisch regiert, in die Höhe.