Es dauert nicht lange bis es um die ganz großen Themen geht, an diesem Nachmittag im Hotel El Mechtel in Tunis: Welche Rolle soll die Religion zukünftig in Tunesien spielen? Eine wichtige, findet Sahar Ben Younes. "Was ist denn sonst mit unseren Traditionen?", fragt die junge Frau aufgebracht. Und von der anderen Seite schießt es ebenso heftig zurück: "Nur in einem säkularen Land kann doch jeder tun, was er will!" ruft ein junger Mann, und dabei fuchtelt er wild mit seiner rechten Hand in der Luft herum. Dann reden plötzlich alle durcheinander, zu verstehen ist nichts mehr.

Es geht wahrlich hoch her in diesem nüchternen Konferenzraum in der Innenstadt von Tunis, der Hauptstadt Tunesiens. Kein Wunder, steht doch die Zukunft eines ganzen Landes zur Debatte – und um die einmalige Chance, diese vielleicht entscheidend mitzuprägen.

Demokratie, Religion, Arbeitsmarkt – Das sind die gewichtigen Themen, die eine Gruppe junger Tunesier hier zusammen mit europäischen Studenten diskutiert. Sie arbeiten an einer Politikempfehlung für die neue Verfassung, die bald entstehen soll. Einige derjenigen, die im Januar immer wieder auf die Straße gingen und mit ihren Demonstrationen den Diktator Ben Ali stürzten, sind hier versammelt. Sie wollen das Schicksal ihres Landes jetzt selbst in die Hand nehmen. Zum Beispiel Chamsseddine Abdelhafidh, der junge Mann, der so vehement für eine Trennung von Staat und Religion plädiert hat. "Die Chancen, etwas Konstruktives zu bewirken, sind jetzt so groß wie vielleicht nie wieder", schwärmt er. Mit Begeisterung und Respekt zugleich sagt er das.

Vielen Tunesiern geht es so wie Abdelhafidh. Der politische Aktivismus im Land sprießt. Mittlerweile haben sich um die 90 Parteien gegründet, diverse Bürgerinitiativen und Expertengremien tauschen sich regelmäßig aus. Zuvor marginalisierte Teile der Gesellschaft machen sich stark. Schüler, Studenten, Feministinnen, Behinderte, unterschiedlichste Interessengruppen. Seit Monaten vermietet das Hotel El Mechtel gleich mehrmals täglich seine Räume für politische Konferenzen. Immer wieder geht es um die neue Verfassung, die formuliert werden soll, direkt nachdem die Tunesier Ende Oktober zum ersten Mal frei ihre Volksvertreter wählen.

"Im Moment sind wir Tunesier ein bisschen so wie Teenager, die zum ersten Mal rauchen", meint ein Angestellter im El Mechtel und lächelt. "Alles ist neu, etwas außer Kontrolle. Aber die Euphorie treibt uns."

Hassen Zargouni, ein führender Statistiker Tunesiens und Mitbegründer des noch jungen Thinktank NOU-R (Mouvement Pour Une Nouvelle République, Bewegung für eine neue Republik) begeistert das. "Die jungen Menschen waren auf der Straße. Ohne sie wären wir heute nicht hier." Weil sie maßgeblich das Regime stürzten, findet Zargouni, müssten sie auch an der neuen Ordnung des Landes mitbauen. Deswegen lud NOU-R, gemeinsam mit dem europäischen Studenten-Thinktank International Policy and Leadership Institute (IPLI), junge Tunesier ein, ihre Wünsche für die neue Verfassung einzubringen.