Die ernsten Themen bei Radius FM werden in der Mittagssendung bei Tatjana Scherbina besprochen. Die blonde Mittdreißigerin ist gleichzeitig die Programmdirektorin des Senders. "Weißrussland hat keine Angst vor Krisen und schweren Zeiten. Wir pflegen das immer zu überwinden" sagt sie. Angesprochen auf den Nato-Einsatz in Libyen und die Position Weißrusslands in diesem Fall, erklärt sie, wie hier gearbeitet wird. Es gebe zu solchen Ereignissen eine Stellungnahme aus dem Außenministerium, diese werde verlesen. Schulterzuckend fügt sie hinzu: "Wir sind nur Journalisten, wir verlesen, was die Politiker entscheiden. So ist das."

Demokratie wird in Weißrussland anders bewertet als in Europa, sagt dazu eine deutsche Weißrussland-Expertin, die aus Angst vor dem Geheimdienst KGB anonym bleiben möchte. Viel wichtiger als freie Meinungsäußerung seien der soziale Frieden, stabile Löhne, sozialer Schutz, staatlicher Wohnungsbau. Für all das konnte Lukaschenko seit seiner Wahl 1994 sorgen, subventioniert vom großen Bruder Russland. Jetzt aber sind die Kassen leer, die Löhne der Staatsdiener können nicht mehr erhöht werden. Wenn Lukaschenko nach dem Attentat in der Minsker U-Bahn nun auch nicht mehr für die Sicherheit der Weißrussischen Bevölkerung garantieren kann, bleibt ihm nichts mehr.

Steigende Preise

Der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet. Marina studiert Englisch und kommt gerade von einer USA-Reise zurück, sie ist genervt von der Lage, die sie hier vorfindet: "Wir haben die gleichen Einkommen, aber die Preise haben sich verdoppelt, sogar für einfache Sachen wie Zucker. Das ist echt lächerlich! Viele Leute können sich ihren normalen Standard nicht mehr leisten. Das ist wirklich hart!"

Doch nicht alle Menschen reden hier so offen über das Offensichtliche.

Jana Schtschurok ist Chefredakteurin einer staatlichen Zeitung von und für Jugendliche namens Vorübergehendes Alter , gemeint ist die Pubertät. Ihre Brille ist schwarz umrandet, ihr Blick streng. Stolz monologisiert sie über eine Stunde lang über den Inhalt der Zeitschrift, das Engagement der Jugendlichen und die Arbeit mit ihnen. Es gehe um die Themen Showbusiness, Jungs und Mädchen, die Berufswahl, Probleme in der Familie, Drogen, Tabak und Musik. Ob die Jugendarbeitslosigkeit in der jetzigen Krise hoch sei, wisse sie aber nicht.

"Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir arbeiten mit den Jugendlichen zusammen und geben Tipps bei der Jobsuche. Über die Jugendarbeitslosigkeit habe ich keine Statistiken", sagt sie, außerdem müsse sie jetzt los. Nein, über Innenpolitik, die Krise und solche Sachen würden die Jugendlichen auch nichts schreiben, das interessiere sie nicht: "Es sind doch Kinder. Sie haben andere Probleme als Erwachsene." Damit verlässt sie angespannt lächelnd den Raum.

Dagegen

Ob die Krise Lukaschenko den politischen Kopf kosten wird, kann noch niemand sagen. Er hat schon viel überstanden an der Spitze seines Staates. Vor wenigen Tagen demonstrierten jedoch Hunderte vor allem junge Menschen in Weißrusslands Hauptstadt Minsk mit einem Autokorso gegen die hohen Benzinpreise und die Abwertung des Rubel. "Wir sind dagegen!" stand auf den Plakaten. Passanten jubelten den Demonstranten am Straßenrand zu, zerrissen die wertlosen Geldscheine und ließen sich dabei filmen. Ungewöhnliche Bilder aus einem Land, in dem sich angeblich fast niemand für die wirtschaftliche Lage interessiert.