Als Guido Westerwelle Bengasi besuchte , da war kurz wieder alles in Ordnung. Der Außenminister stand an der Seite der westlichen Verbündeten, als er den Übergangsrat als die legitime Vertretung der Bevölkerung bezeichnete und bekanntgab, Deutschland sei trotz seiner Enthaltung im Sicherheitsrat keineswegs neutral. Auch Geld brachte Westerwelle mit – wie früher, als Helmut Kohl statt militärischer Beteiligungen Devisen lieferte.

Westerwelles Auftritt war richtig und überfällig, doch er allein dürfte das Bild nicht ordnen, das die deutsche Außenpolitik im Ausland hinterlässt – das eines Freaks, wie es der Spiegel nannte. Ein Land, das sich erst an die Spitze der Unterstützer der arabischen Umbrüche setzte und sich im Sicherheitsrat an die Seite Russlands und Chinas stellte, weil es fürchtete, seine Soldaten könnten in den Libyen-Krieg entsendet werden . Ein Land, auf das es jetzt in Europa ankommt – das aber den Eindruck eines schlecht gelaunten Hausmeisters hinterlässt. Ein zwischen Populismus und Alternativlosigkeit schwankendes, mit sich selbst beschäftigtes Land.

Ausnahmsweise sind Regierung und Regierte hier ganz nah beieinander. Merkels harte und bisweilen unverschämte Rhetorik gegenüber den europäischen Südländern, Westerwelles Nichteinmischungspolitik – sie sind umfragegesteuert und populär. Das muss erst mal nicht falsch sein: Europapolitik, Kriegseinsätze, transatlantisches Verhältnis – das alles kann man nicht mehr nur mit Alternativlosigkeit erklären.

Wo bleibt die Europa-Debatte?

Vielleicht aber werden die Wähler inzwischen unterfordert. Längst kämpft die Bundeswehr an verschiedensten Standorten, doch einen Kriterienkatalog – Wann machen wir mit, wann nicht? – gibt es noch immer nicht. Stattdessen werden Militäreinsätze notdürftig ad hoc bewertet. Ein Ergebnis: Eine nach innen und außen kaum begründete Libyen-Enthaltung.

Ähnlich verhält es sich mit Europa. Ist es Furcht, die Politik und Presse dazu bringt, das Thema permanent nur auf die Frage "Zahlen oder nicht" zu verengen? Die strategische Frage ist, ob Deutschland eine weitere Integration fördern sollte oder nicht. Was also hätten die Deutschen von einer gemeinsamen europäischen Wirtschaftsregierung ? Und was haben die Euroskeptiker außer Ressentiments?

Außenpolitik kann nicht nur populär und einflussreich sein wollen, sie braucht längerfristige Richtlinien. Hier müsste Westerwelle ansetzen. Seine Aufgabe wäre es jetzt, nach innen zu wirken, die Deutschen aufmerksam zu machen auf die Widersprüche zwischen Deutschlands realem Gewicht und seiner gefühlten Außenseiterrolle. Er sollte (euro-)populistischen Tönen widersprechen und gleichzeitig strategischen Realismus einfordern.

Genau das aber – Außenpolitik im Innern diskutieren – kann Westerwelle nicht mehr. Sein letzter Anstoß – die spätrömische Dekadenz – verursachte einen wochenlangen, leidenschaftlichen Kampf ohne Erkenntnisse. Die innenpolitische Sprechfähigkeit hat ihm seine Partei schon vor Wochen genommen, das Außenamt ist der letzte Ort in der deutschen Politik, dem sie ihm noch einräumen mochte. Westerwelle kann keine außenpolitische Diskussion mehr moderieren. Ihm fehlt Autorität und wahrscheinlich auch das politische Naturell.

Die Kanzlerin scheint ihre Schlussfolgerungen schon gezogen zu haben. Aus welchen Gründen die Bundeswehr zum Auslandseinsatz kommen könnte, hat kürzlich Verteidigungsminister de Maizière zumindest angedeutet . Der aber räumt gerade noch eine andere Baustelle auf.