Die Frage hat die arabische Revolution von Anfang an begleitet: Welche Rolle spielen die Islamisten für die Proteste, die die arabische Welt erfasst haben? Es ist eine ebenso naheliegende wie legitime Frage, stellten doch seit Anfang der siebziger Jahre fast ausnahmslos islamische Gruppen – gemäßigte wie extremistische –  die größte und zugleich schlagkräftigste Opposition gegen die herrschenden Regime.

Auch mehr als vierzig Jahre oft blutige Auseinandersetzungen mit den arabischen Machthabern haben diese Gruppierungen nicht geschwächt – wenngleich sie ihr Ziel nicht erreichten, die Potentaten in Ägypten, Tunesien und anderen arabischen Ländern zu stürzen. Erst die Protestbewegungen im Frühjahr haben die Machtbalance in der Region völlig verändert.

Die Islamisten wurden davon völlig überrascht. Wie groß die Verunsicherung in islamistischen Kreisen nach Beginn der arabischen Revolution war, schilderte mir ein führender Denker der Dschihad-Bewegung, den ich während seiner Zeit als Mitglied einer gemäßigten islamischen Bewegung kennengelernt hatte. In diesem revolutionären Frühjahr 2011 hatten die islamistischen Führungszirkel keinen Plan parat. Sie wussten einfach nicht, wie sie auf die Proteste reagieren sollten.

Als Tunesiens Machthaber Ben Ali am 14. Januar aus dem Land flüchtete, argwöhnten einige Islamisten, die tunesische Revolution sei nichts anderes als ein amerikanisches Komplott gegen einen in Ungnade gefallenen Machthaber. Auch mit der wahnwitzigen Geschwindigkeit der Ereignisse waren sie überfordert. Binnen weniger Tage war das Ben-Ali-Regime demontiert worden, den islamistischen Gruppen fehlte schlicht die Zeit, sich klar zur neuen Lage zu positionieren oder gar eine aktive Rolle zu spielen.

Als nur wenige Tage später die Menschen in Kairo für ein Ende der Mubarak-Diktatur auf die Straße gingen, schwiegen auch die Islamisten in Ägypten, allen voran die gemäßigte, einflussreiche Muslimbruderschaft. Sie waren noch damit beschäftigt, sich die Ereignisse in Tunis zu erklären.

In den Führungsetagen der islamistischen Gruppierungen zirkulierten damals unterschiedlichste Verschwörungstheorien. In einem Punkt stimmten sie alle überein: Die Protestbewegung werde von einer unsichtbaren Hand gesteuert – und zwar aus dem Ausland. Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass junge Menschen mit überwiegend westlicher Bildung und einer Vorliebe für soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter (hinter denen manche Islamisten westliche Geheimdienste vermuten), eine erfolgreiche Revolution auf die Beine stellen konnten, und zwar ohne die Billigung des Westens.