Hilfsstaatsanwalt Allan Stowlinsky war nach Feierabend mit seinem neunjährigen Sohn auf dem Weg zur Sporthalle, als ihm Bewaffnete in zwei Pickups den Weg versperrten und ihn aus seinem Auto entführten. Polizisten fanden seinen zerstückelten Leichnam tags darauf, am 24. Mai, in der Provinzhauptstadt Cobán im Norden Guatemalas. Die Gliedmaßen hatten die Täter in vier schwarzen Mülltüten am Sitz des Gouverneurs abgelegt. Den Plastiksack mit dem Kopf deponierten sie gegenüber einem belebten Markt.

Stowlinsky war an den Ermittlungen beteiligt, die Mitte Mai zur Festnahme von "Comandante Bruja" ("Kommandeur Hexe") führten. Hugo Gómez, wie der Kriminelle mit bürgerlichem Namen heißt, leitete die Niederlassung des mexikanischen Kartells "Los Zetas" in Guatemala. Stowlinsky starb, weil er sich mit einer der mächtigsten kriminellen Organisationen Amerikas angelegt hatte.

Das Markenzeichen der "Zetas" ist ihre grenzenlose Gewalttätigkeit. Von der hatten sich die 15 Millionen Guatemalteken bereits kurz vor dem Anschlag auf Stowlinsky ein Bild machen können. Von Hugo Gómez ausgesandte Auftragskiller töteten am 14. Mai in einer Finca in der Provinz Petén an der Grenze zu Mexiko 27 Bauern und schnitten ihnen die Köpfe ab. Die Männer suchten nach dem Besitzer des Grundstückes, einem mutmaßlichen Drogenhändler mit Verbindungen zu rivalisierenden Gruppen in Mexiko. Weil sie ihn nicht antrafen, massakrierten sie seine Angestellten.

Guatemala befindet sich seither im Schock. Die Bürger fragen sich: Ist ihr kleines Land auf dem Weg zu einem "Narcostaat"? Genau davor warnte das Institut für Strategische Studien des Pentagon in einem Bericht im vorigen Jahr. Zusätzlich verunsicherte Guatemalas Präsident Álvaro Colom seine Landleute: "Meine zwei Vorgängerregierungen hatten vor, das Land an die Narcos auszuliefern", sagte er Anfang Juni in einem Interview. "Einfall der mexikanischen Kartelle", titelten nationale und internationale Medien am folgenden Tag.

Guatemala ist kein Einzelfall. Die mexikanischen Drogenkartelle sind auch in den übrigen zentralamerikanischen Ländern in die Offensive gegangen . Der blutige Konkurrenzkampf in ihrer Heimat zwinge sie dazu, sagt Carlos Resa von der Universidad Autónoma de Madrid. "Das Geschäft in Mexiko ist unbeständig geworden", sagt der auf das Drogengeschäft spezialisierte Ökonom. Es gebe zu viele Rivalen und korrupte Polizisten, die die heiße Ware beschlagnahmen, um diese dann selbst weiter zu verkaufen. "Die Drogenhändler müssen deswegen neue sichere Routen suchen", sagt Resa. Neben Guatemala bieten Honduras und El Salvador nach den Bürgerkriegen dort perfekte Bedingungen.

"Der Begriff 'Narcostaat' ist sehr hart, aber wenn wir jetzt nicht handeln, ist unser Land in vielleicht vier Jahren wirklich so weit", sagt der guatemaltekische Journalist und Experte in Drogenthemen, Angel Sas. Armut und Straflosigkeit – 90 Prozent aller Verbrechen bleiben angeblich ungesühnt – sind der Nährboden, auf dem die Korruption gedeiht.

Immerhin konnte die guatemaltekische Polizei in den vergangenen Wochen fünfzehn der mutmaßlichen Attentäter Stowlinskys festnehmen. Doch ist das kleine Land finanziell schlichtweg überfordert. Kokainkonsumenten ziehen sich laut UN-Weltdrogenbericht pro Jahr Stoff im Wert von 88 Milliarden Dollar durch die Nase. Das Bruttoinlandsprodukt Guatemalas betrug 2009 36 Milliarden US-Dollar.