In der Welt des Ajatollah Sayyid Ali Chamenei gibt es keine Grautöne. Der geistliche und politische Führer des Iran kennt nur Schwarz und Weiß, Verlierer und Gewinner. Lange Zeit zählte Präsident Mahmud Ahmadineschad in diesem Weltbild zu den Gewinnern. Noch im letzten Jahr antwortete Chamenei auf die Frage, was ihm an Ahmadineschad so gut gefalle: "Es ist die erste Regierung, die die Rolle der obersten Führung und seiner Autorität nicht infrage stellt, und die erste Regierung, mit der ich mich wohlfühle."

Das ist vorbei. Inzwischen ist das Verhältnis zwischen Chamenei und Ahmadineschad vollkommen zerrüttet. Eskaliert war der Streit, als Ahmadineschad den Geheimdienstchef Heydar Moslehi feuerte, weil der – im Auftrag einiger Chamenei-Leute – enge Vertraute Ahmadineschads hatte überwachen lassen. Ajatollah Chamenei machte die Entlassung seines Gefolgsmannes kurzerhand rückgängig, woraufhin Ahmadineschad in den Streik trat. Zehn Tage blieb er seinem Büro und Kabinettssitzungen fern, nicht einmal für Repräsentanten Chameneis war er zu sprechen. Es war eine Ungeheuerlichkeit, die einer Gotteslästerung gleich kam. 

Für die Chamenei-Anhänger in der Regierung, die Armee und die Revolutionäre Garde war dies das Ende Ahmadineschads. Der Präsident hatte sich schlicht verzockt. Als er zwei Wochen später um eine Audienz bei Chamenei bat, war es zu spät. Der oberste Führer ließ ihn tagelang warten, Ahmadineschads Bitte um ein Einzelgespräch wurde abgelehnt.

Wie dramatisch der Niedergang des Präsidenten ist, veranschaulicht die Äußerung eines ehemaligen Vertrauten, der während der Proteste 2009 nach eigenem Bekunden alle Gegner Ahmadineschads am liebsten eigenhändig umgebracht hätte. Heute sagt er nur: "Ahmadineschad war mal gut, aber das ist vorbei. Er ist für immer verschwunden."

Dabei hatte Chamenei schon so viel in Ahmadineschad investiert. Er war aus Sicht des Ajatollahs der perfekte Präsident. Beliebt bei den einfachen Leuten, religiös, loyal. Nun würden ihn Chameneis Getreue lieber heute als morgen verschwinden sehen. Und tatsächlich: Dass Ahmadineschad bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2013 durchhält, ist mehr als unwahrscheinlich – zumal es bereits einen potenziellen Nachfolger gibt.