Das Jahr 2011 könnte für die polnischen Sozialdemokraten vom Bund der demokratischen Linken (SLD) durchaus vielversprechend enden. Wenige Monate vor der Parlamentswahl im Oktober wird die Partei in der Sonntagsfrage kontinuierlich zwischen zehn und 18 Prozent notiert. Erstmals seit der verheerenden Wahlniederlage von 2005, als der SLD innerhalb nur einer Legislaturperiode von 41 auf elf Prozent der Wählerstimmen abrutschte, bietet sich der Partei nun wieder eine reale Machtperspektive auf nationaler Ebene.

Der Einzug in die Kanzlei des Premierministers steht dem SLD mit diesem bescheiden-zweistelligen Ergebnis zwar nicht unmittelbar bevor. Allerdings könnte die Partei als außergewöhnlich starker Dritter aus dem politischen Kräftemessen hervorgehen. Denn weder die wirtschaftsliberale Bürgerplattform (PO), die seit 2007 mit Donald Tusk den Ministerpräsidenten stellt, noch die nationalkatholische Recht und Gerechtigkeit (PiS), die sich derzeit in der Opposition befindet, dürften in der Lage sein, alleine zu regieren. Zugleich droht der aktuelle kleine Koalitionspartner, die bäuerliche Polnische Volkspartei (PSL), an der Fünfprozenthürde zu scheitern. Dem SLD könnte somit die Rolle des Königsmachers zufallen, der entweder Tusk seinen Posten als Regierungschef sichert, oder aber der Partei Jarosław Kaczyńskis zur Rückkehr an die Macht verhilft.

Beides sind wahrlich keine Szenarien, die sozialdemokratische Herzen höher schlagen lassen. Doch weltanschauliche Skrupel in Bezug auf potenzielle Koalitionspartner kann sich der SLD kaum leisten. Will der Linksbund in seiner jetzigen Form überleben, ist er im Herbst auf die Übernahme möglichst vieler Regierungsressorts angewiesen.

Denn das letzte Jahrzehnt hat der Partei übel mitgespielt. Noch in den 1990er Jahren war die SLD, die zunächst als Wahlvereinigung verschiedener postkommunistischer Gruppierungen entstand, die stärkste Partei des Landes. Nach mehreren Wahlniederlagen in Folge nun aber sind die staatlichen Finanzzuschüsse am Versiegen. Von der Macht vergangener Tage kann der SLD nur noch träumen. Weniger als ein Prozent der polnischen Bürgermeister besitzt derzeit ein sozialdemokratisches Parteibuch. Und nur noch an zwei von insgesamt 16 Wojewodschaftsregierungen ist der Linksbund beteiligt.

Exekutive Gestaltungsperspektiven kann der SLD seinen Mitgliedern inzwischen kaum mehr bieten. In der Konsequenz finden immer weniger Neumitglieder den Weg in die Partei, während alte Funktionäre ihre Aktivitäten einstellen. Ohne finanzielle, zunehmend aber auch schlicht ohne personelle Ressourcen lastet die gesamte Arbeit auf den Schultern eines ausgedünnten, organisatorisch vollkommen überforderten Hauptamtlichenapparates.

Um die politische Arbeit aufrechterhalten und den eigenen Funktionären eine Perspektive bieten zu können, braucht der SLD Dienste und Patronagemöglichkeiten der Ministerialbürokratie. Aus diesem Grund, so die Befürchtung vieler linker Aktivisten im Land, wird sich der SLD nach den Wahlen ohne Rücksicht auf programmatische Schnittmengen meistbietend verkaufen.

Gänzlich unbegründet ist diese Sorge sicherlich nicht. Für programmatische Stringenz oder ideologische Verbissenheit war der SLD noch nie bekannt. Aufgrund der historisch belasteten Vergangenheit ließen sich die Funktionäre der Partei nur ungern auf inhaltliche Debatten ein. Stattdessen profilierten sie sich vorzugsweise als erfahrene und weltoffene Manager des administrativen Prozesses.