Der jüngste Bericht der New York Times über Dominique Strauss-Kahn war für den ehemaligen französischen Premierminister Lionel Jospin ein "Donnerschlag", wie er es ausdrückte. Nach Informationen der Zeitung zweifelt die New Yorker Staatsanwaltschaft an der Aussage der Frau, die Strauss-Kahn wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Die Behauptung des Zimmermädchens, Strauss-Kahn habe sie in seinem Hotelzimmer zu sexuellen Handlungen gezwungen, hatte weltweit für Furore gesorgt.

Der 62-Jährige kam daraufhin in Untersuchungshaft, er steht bis heute unter Hausarrest. Seinen Posten als Chef des Internationalen Währungsfonds musste er aufgeben, außerdem seine Ambitionen, im französischen Präsidentschaftswahlkampf gegen Nicolas Sarkozy anzutreten. Sollten sich die Meldungen über die Zweifel der Staatsanwaltschaft bestätigen, könnte dies eine spektakuläre Wende in dem Fall bedeuten.

Strauss-Kahns Parteifreunde von den Sozialisten hoffen bereits auf sein Comeback im Wahlkampf. Sollte der frühere Währungsfonds-Chef völlig entlastet werden, sagte Jospin, sei es an ihm und der Partei, über die Zukunft zu entscheiden. Der frühere Kulturminister Jack Lang erklärte: "Wenn sich die Neuigkeiten aus New York bestätigen, wäre das eine große Freude." Strauss-Kahns Anwesenheit im Wahlkampf wäre "entscheidend für unseren Erfolg bei der Präsidentschaftswahl".

Strauss-Kahn war bis zu seiner Verhaftung Mitte Mai einer der aussichtsreichsten möglichen Kandidaten der sozialdemokratischen Partei für den französischen Präsidentschaftswahlkampf im kommenden Frühjahr. Es galt als nahezu sicher, dass er bei den Vorwahlen der Sozialistischen Partei nach US-amerikanischem Vorbild antreten würde. Mit Michèle Sabban forderte eine erste sozialistische Politikerin, die Vorbereitungen für die Abstimmung im Herbst zunächst auszusetzen. Strauss-Kahn müsse die Chance bekommen, sich zu den Entwicklungen zu äußern, sagte sie. Sabban hatte bereits nach der Verhaftung ihres Parteifreundes ein Komplott in Erwägung gezogen.

Der sozialistische Abgeordnete Jean-Marie le Guen, ein Vertrauter Strauss-Kahns, sagte, es sei zu wünschen, dass Strauss-Kahn bald auf freien Fuß komme. Dann werde er in den kommenden Monaten "im politischen Leben unverzichtbar" sein.

Die New York Times schreibt, dass es erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin gebe. Strauss-Kahn soll am Abend wieder vor Gericht erscheinen, angeblich wollen die Anwälte des 62-Jährigen mit Hinweis auf die neuen Erkenntnisse Hafterleichterungen durchsetzen. Der Hausarrest solle aufgehoben werden. Strauss-Kahn hatte stets auf "nicht schuldig" plädiert.

Laut dem Zeitungsbericht hat die Frau seit dem angeblichen Übergriff Strauss-Kahns in ihren Vernehmungen durch die Staatsanwaltschaft immer wieder gelogen. Sie soll außerdem in Geldwäsche und Drogengeschäfte verstrickt sein.

So habe die Hotelangestellte einen Tag nach Strauss-Kahns Verhaftung mit einem inhaftierten Drogendealer telefoniert. In dem aufgezeichneten Gespräch habe sie über den möglichen Nutzen der Anklage gegen den Ex-IWF-Chef gesprochen. Weiter hieß es, dieser inhaftierte Mann sei eine der Personen, die in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 100.000 Dollar auf das Konto der Frau überwiesen hatten. 

Strauss-Kahn war zunächst auf die New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island gebracht und anschließend in Manhattan unter Hausarrest gestellt worden. Der Franzose weist die Vorwürfe zurück und plädierte auf nicht schuldig. Sein Amt als Chef des Internationalen Währungsfonds wurde von der französischen Finanzministerin Christine Lagarde übernommen.