"Ein bisschen kürzer", sagt Mohammad und setzt sich zwischen zwei Zelten auf einen Plastikstuhl. Seif legt ein Handtuch auf Mohammads Schultern, zückt die Schere und schnippelt los. Eigentlich hat Seif seinen Friseursalon in Kairos Stadtteil Boulak Giza, aber nun arbeitet er auf dem Tahrir-Platz.

Seit einer Woche sind Seif, Mohammad und Hunderte andere Demonstranten zurück auf Kairos zentralem Verkehrsknotenpunkt, von dem Anfang des Jahres die Massenproteste gegen Ex-Präsident Hosni Mubarak ausgingen. Die Ägypter schafften es, ihn zu stürzen. Doch nun protestieren sie gegen den Militärrat und die Übergangsregierung. Der Tahrir-Platz ist wieder in ein kleines Dorf verwandelt. An diesem "Freitag der letzten Warnung" soll das Dorf zu einer großen Stadt werden: Hunderttausende Demonstranten werden erwartet.

Auch Ramy El Swissy hat sein Zelt wieder aufgebaut. "Der Militärrat behandelt uns wie Mubarak", sagt er, "wir hatten eine Revolution, aber keinen Machtwechsel. Hier hat sich absolut nichts verändert ." Ramy gehört zur Jugendbewegung 6. April , mit anderen politischen Bewegungen und Parteien hat sie zu den erneuten Demonstrationen aufgerufen. Die Gruppierungen sind frustriert über den politischen Kurs des Militärrats.

Zwar beteuert dieser, eine zivile Demokratie einführen zu wollen, seine Handlungen sprechen aber dagegen: Bis heute gibt es keine unabhängige Justiz in Ägypten. Mubarak und andere hochrangige Mitglieder des alten Regimes sind noch immer nicht vor Gericht gestellt. Und auch die Gerichtsverfahren von Polizeioffizieren, die wegen Mordes an rund 1.000 Demonstranten angeklagt sind, werden immer wieder verschoben. Der damals verantwortliche Innenminister Habib El-Adly wartet immer noch auf seinen Prozess. In Suez wurden 14 Polizeioffiziere, die wegen Mordes inhaftiert waren, wieder auf freien Fuß gesetzt. Währenddessen wird mit Demonstranten und Aktivisten vor dem Militärgericht kurzer Prozess gemacht. In den letzten fünf Monaten sollen rund 5.000 Zivilisten zu teilweise jahrelangen Strafen verurteilt worden sein – ohne Anwalt, ohne Öffentlichkeit.

All das treibt die Ägypter wieder auf die Straße – in Kairo, in Alexandria und in Suez. Sie fordern eine unabhängige Justiz. Sie wollen Mubarak und andere Führungspersönlichkeiten aus dem alten Regime öffentlich vor Gericht sehen, wollen das Militärgericht abschaffen. Zudem fordern sie die Suspension all derjenigen Polizisten, die verdächtigt werden, Demonstranten ermordet zu haben. Und sie wollen, dass in der Übergangsregierung kein Minister der alten Riege mehr vertreten ist, sie wollen die Macht des Militärrats einschränken.

Zwar hat der Premierminister Essam Saharf schon eine Kabinettsumbildung angekündigt und auch fast 700 Polizisten wurden suspendiert. Den Demonstranten geht das nicht weit genug. "Wir bleiben so lange, bis unsere konkrete Forderungen erfüllt sind", sagt Ahmed El Abd. Seit einer Woche hat er sein Zelt auf dem Tahrir-Platz aufgebaut und stellt sich darauf ein, dass er hier wohl noch einige Nächte bleiben wird. Nur morgens, nach dem Gebet, eilt er geschwind nach Hause, duscht sich, checkt seine Mails, dann ist er wieder auf dem Tahrir. Mit Laptop und ein paar Büchern sitzt er im Zelt, arbeitet an seiner Doktorarbeit. "Ich bin Multitasking: kann arbeiten und gleichzeitig politisch aktiv sein, das ist einfach genial", sagt Ahmed.

Er ist nicht der einzige: Zelt an Zelt reihen sich tagsüber die mobilen Arbeitsplätze, nur Internet gibt es hier nicht. Auch Parteien und Präsidentschaftskandidaten haben unter der großen Plane über dem Tahrir Außenstellen eingerichtet. Ein Zeltsupermarkt versorgt die Camper mit Kosmetik: Zahnbürsten und Zahnpasta, Deo und Klopapier. Sogar ein Nagelstudio gibt es hier, allerdings nur mit eingeschränktem Service. "Leider kann ich vor Ort nur wenige Muster auf die Nägel machen", sagt Nura, die Kosmetikerin.