Kürzlich, am weißrussischen Unabhängigkeitstag , nutzte Weißrusslands autoritär regierender Präsident Alexander Lukaschenko mal wieder eine Gelegenheit, seinen Herrschaftsstil unter Beweis zu stellen. Protestgruppen hatten zuvor im Internet angekündigt, gegen Lukaschenko demonstrieren zu wollen, indem sie schlicht und einfach applaudierten. Doch wenn es nötig ist, lässt Alexander Lukaschenko auch den Beifall für sich verbieten. Und so sprach der letzte Diktator Europas erstmals seit seinem Amtsantritt 1994 nicht zu einem begeistert jubelnden Publikum. 

Der Druck auf Lukaschenko wächst. Seit sechs Wochen strömen an jedem Mittwoch junge Menschen auf die Straßen von Minsk und allen anderen großen weißrussischen Städten. Ihr Vorbild sind die "Facebook-Revolutionen" in Nordafrika. Wie Ägypter und Tunesier wollen auch die Weißrussen mit ihrem Dauerprotest einen Dauerregenten stürzen: den seit 17 Jahren mit eiserner Faust regierenden Lukaschenko.

Schweigen als Taktik

Anfangs trafen sich nur einige Dutzend Aktivisten in der Hauptstadt Minsk, inzwischen kommen Tausende. Sie tragen weder Transparente, noch verteilen sie Flugblätter oder rufen politische Parolen. Von Zeit zu Zeit allerdings hebt in ihren Reihen ein Klatschen an. Es soll Mut machen und den Durchhaltewillen stärken. 

Das haben die Demonstranten bitter nötig, denn die Staatsmacht reagiert mit erbarmungsloser Härte. Am vergangenen Mittwoch prügelten Polizisten auf die Protestierer ein und verhafteten rund 400 Menschen. Standgerichte verurteilten Dutzende Teilnehmer in Schnellverfahren zu mehrtägigen Gefängnisstrafen. Nach dieser Eskalation könnten die geplanten Kundgebungen an diesem Mittwoch einen Hinweis darauf geben, wie stark der Kampfgeist der Internet-Revolutionäre ist.

Im russischen Internet-Netzwerk Vkontakte.ru haben die Organisatoren zu Wochenbeginn einen "Schlachtplan" veröffentlicht. Diesmal wollen die Demonstranten die Polizei notfalls mit Sitzblockaden ausbremsen. "Fasst euch an den Händen und setzt euch auf den Boden. So wird es (für die Miliz) sehr schwer, einen Menschen abzutransportieren", heißt es in dem Protestaufruf.

Lernen vom letzten Versuch

Es sind erst wenige Monate vergangen seit der letzten Protestwelle. Im vergangenen Dezember scharten sich die Regimegegner um die Kandidaten der Opposition – ein knappes Dutzend Politiker, die zu keiner gemeinsamen Strategie fanden. Lukaschenko ließ die Demonstranten am Wahlabend mit brutaler Gewalt auseinandertreiben und ihre wichtigsten Anführer inhaftieren . Der Protest brach daraufhin zusammen. Den zerstrittenen Organisatoren wird seitdem vorgeworfen, ihre Leute sehenden Auges in den Untergang geführt zu haben.

Das soll bei der permanenten "Revolution durch soziale Netzwerke", wie Wjatscheslaw Dianow und seine Mitstreiter ihr Projekt getauft haben, nicht wieder passieren. "Wir sind nicht der verlängerte Arm irgendwelcher Oppositionspolitiker", sagt Dianow, Internet-Aktivist und so etwas wie der Sprecher einer Fünfergruppe, die im Hintergrund die Fäden der Mittwochsdemonstrationen zieht. "Wir arbeiten systematisch. Wir bringen die Menschen zusammen, damit sie merken, dass überall in ihrer Nachbarschaft Gesinnungsgenossen wohnen."

Die jungen Leute, allesamt zwischen 22 und 25 Jahre alt, haben sich angesichts der andauernden Hatz auf Regimegegner in ihrer Heimat ins westliche Ausland abgesetzt. Im Kontakt stehen sie über Vkontakte.ru , Skype oder Twitter . Ob die neue Protestwelle eine andere Qualität als ihr Vorgänger hat, ist noch nicht abzusehen. "Die Chancen stehen 50 zu 50", analysiert die unabhängige Nachrichtenagentur Belapan in Minsk. "Wir werden einen langen Atem brauchen", sagt Dianow.