Außer der deutschen Regierung existiert noch eine weitere, die ihre libysche Wette verloren hat: die algerische. Ein Unterschied besteht freilich darin, dass Algerien die obsiegende Partei in Tripolis nach wie vor nicht anerkennt, während Deutschland wenigstens versucht, verlorenen Boden wettzumachen.

Die Regierung in Algier hingegen lässt es auf eine Eskalation ankommen. Es hat die Grenze zu Libyen geschlossen – soweit sich eine fast 1.000 Kilometer lange Grenze, die überwiegend im Wüstensand verläuft, effektiv schließen lässt – woraufhin der libysche Übergangsrat CNT die "diplomatischen Beziehungen" für abgebrochen erklärte. Soweit sie denn bestanden. Mit Unmut reagierte der Übergangsrat auch auf den Umstand, dass die Ehefrau Gadhafis mitsamt drei Kindern und mehreren Enkeln Aufnahme in Algerien gefunden hat.

Algerien hatte von Anfang an Probleme mit dem Geschehen in Libyen, und das erst recht, als es militärischen Charakter annahm. Der Generalsekretär der Regierungspartei FLN, Abdelaziz Belkhadem, erklärte beispielsweise im April, die Gegner Gadhafis hätten an die Nato appelliert, damit diese "ihre Brüder massakriere", und er setzte fort: "Wir hingegen haben die Nato bekämpft." Umgekehrt hatten die Rebellen der algerischen Regierung vorgeworfen, den Diktator mit Soldaten und Waffen unterstützt zu haben, wofür sie allerdings bis heute den Beweis schuldig geblieben sind.

Algeriens Regierung pflegte ursprünglich keine engere Kumpanei mit Gadhafi als, sagen wir, Frankreich. Zwar gehörte der Diktator, wie übrigens auch Unternehmen aus der Bundesrepublik Deutschland, in den neunziger Jahren zu den wenigen Geschäftspartnern Algeriens, das damals von einem allseits schmutzigen Bürgerkrieg heimgesucht wurde. Ansonsten aber war Libyen Rivale und nicht Verbündeter, namentlich im Sahel und in der Sahara, wo libysche Dienste als Unterstützer aufrührerischer Tuaregs präsent waren. Sie knüpften Verbindungen mit Rebellen, die später, als Gadhafis Macht zu wanken begann, in Libyen gegen die Aufständischen mitkämpften.

Nun strömen die Freischärler wieder zurück in ihre alten Operationsgebiete, nach Niger, Mali und auch nach Algerien, ausgerüstet mit neuen Kampferfahrungen und Waffen, begleitet von ehemaligen Elitesoldaten des Diktators. Nicht ausgeschlossen, dass sie sich jenseits aller ideologischen Bedenken den umherschweifenden Banden aus dem Umfeld der al-Qaïda au Maghreb islamique (Aqmi) anschließen.

Die hat sich nach Ansicht fast aller Experten im Verlauf des Kriegs mit Waffen aus dem Kampfgebiet versorgt. Ihre Aktionsfähigkeit stellt Aqmi außerdem seit Wochen mit Attacken auf militärische Einrichtungen Algeriens unter Beweis, zuletzt am vergangenen Freitag, wo ein Bombenattentat auf die Militärakademie in Cherchell 18 bis 22 Menschenleben forderte.

In Algier wird darauf hingewiesen, dass Sympathisanten und Mitkämpfer der maghrebinischen al-Qaida nachweislich am Krieg gegen Gadhafi beteiligt waren. Wie groß heute ihr Einfluss im CNT und dessen Umfeld ist, das wüssten in der Tat nicht nur die Algerier gerne. Die gegenwärtige Politik der algerischen Führung ist allerdings kaum geeignet, einem solchen Einfluss entgegenzuwirken.