Das Schöne an Krisen ist, dass sie den Boden für Veränderungen bereiten. Wenn das stimmt, könnte sich in Europa bald einiges ändern. Was? Dazu äußerten sich am Wochenende gleich mehrere namhafte Politiker. Ihre Idee: ein politisch geeintes Europa.

Alle plädierten für eine verstärkte gemeinsame Finanzpolitik ( Norbert Röttgen , Wolfgang Schäuble ), im Einzelnen war sogar die Rede von den Vereinigten Staaten von Europa ( Joschka Fischer , Ursula von der Leyen ). Und selbst die CSU treibt die Diskussion um die künftige Form Europas voran, indem sie in ihrem Entwurf zu einem Grundlagenpapier von "Vergemeinschaftung der Finanzpolitik" spricht. Wenn man die so fürchtet, wie die CSU es tut, muss ein politisch geeintes Europa schon im Bereich des Machbaren liegen.

"Vereinigte Staaten von Europa" auszusprechen, das hat mittlerweile gar nicht mehr den Wow-Effekt, den man noch vor Kurzem damit auslösen konnte. Immerhin sprachen Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy Anfang August in Paris von einer "echten europäischen Wirtschaftsregierung". Ihre konkreten Vorschläge wie ein halbjährliches Treffen der Staats- und Regierungschefs waren freilich noch dünn. Doch nur so gehen politische Prozesse voran: mühsam, zäh und kleinschrittig.

Ein Manko unserer parlamentarischen Demokratie ist nämlich, dass sie meistens langsam arbeitet. Merkel konnte in Paris kaum deutlicher werden. Doch jetzt lässt sie nachlegen (man sollte davon ausgehen, dass sich ihre Kabinettsmitglieder nicht zufällig und nicht ohne ihre Kenntnis auf diese Weise zu Europa äußern). Merkels Vorgehen passt im Grunde ganz gut zu uns Menschen, die wir Gewohnheitstiere und nicht sonderlich wild auf Veränderungen sind. Man muss uns schrittweise überzeugen. Überrumpeln hilft nichts, sondern weckt nur Widerstand – wie man aus dem "Nee" und "Non" der Niederländer und Franzosen 2005 zur EU-Verfassung lernen konnte.

Die aktuelle Krise schärft unsere Aufmerksamkeit für Europa. Zwei Argumente gilt es zu entkräften: Kritiker der Währungsunion fürchten, dass die Regierungen es nicht schaffen werden, die notwendigen Reformen in ihrem jeweiligen Land durchzusetzen, weil die Maßnahmen nicht vermittelbar seien. Aber unterschätzt man damit nicht die Willenskraft von Politikern und die Verständnisfähigkeit der Bürger?

Vom Verlust nationaler Souveränität sprechen zweitens jene, die einem weitergehenden Einigungsprozess entgegenwirken wollen. Dabei ist die Sorge im Grunde unsinnig, denn der Souverän – und das wird in jedem Europa so bleiben – ist der Bürger. Er würde sogar an direkter Einflussmöglichkeit gewinnen, wählte er künftig nicht mehr nur seinen kommunalen und nationalen Vertreter, sondern auch seinen europäischen.

Jeder Einzelne muss sich derzeit fragen, was er von Europa will. Also her mit den Politikern, die den Kopf von ihrem DIN-A4-Ordner heben und das Ziel benennen, auf das wir zusteuern sollten. Die uns Mögliches und Machbares vor Augen führen. Denn damit eine Krise zu Veränderungen führen kann, muss jemand vorher eine Idee davon gehabt haben, wie diese Veränderung aussehen kann. Vereinigte Staaten von Europa? Es lohnt sich, darüber nachzudenken.