Der ehemalige ägyptische Staatspräsident Hosni Mubarak steht vor Gericht. Vor sechs Monaten wurde er von seinem Volk gestürzt, nun muss er sich wegen Veruntreuung und des Mordes an insgesamt 846 Aufständischen verantworten. Im Fall der Verurteilung droht ihm die Todesstrafe. Damit steht der junge ägyptische Staat an einem Scheidepunkt, der in der arabischen Welt seinesgleichen sucht.

Einen Präzedenzfall gibt es dagegen in der abendländischen Geschichte. Auch hier musste sich ein mutmaßlicher Mörder und Tyrann vor seinem Volk rechtfertigen. Vorangegangen waren ein Fluchtversuch, 625 konspirative Briefe sowie die Tötung von über 600 französischen Bürgern. Die Rede ist vom ehemaligen französischen Monarchen Ludwig XVI.

Der Prozess von Ludwig XVI begann am 11. Dezember 1792 vor dem Nationalkonvent. Dem Monarchen wurde vorgeworfen, "eine Vielzahl von Verbrechen begangen zu haben, um eine Tyrannei zu errichten". Er habe versucht, "die Freiheit des Volkes zu zerstören". Maximilien Robespierre, der geistige Vater des "Tugendstaates", sollte später in einer stundenlangen Rede zu der Erkenntnis kommen, dass "Ludwig sterben muss, weil das Vaterland leben soll".

Ludwig selbst bekannte sich, ebenso wie Mubarak heute, nicht schuldig. Doch schien das Urteil schon vor Beginn beschlossen. Der Advokat Raymond de Sèze, einer der drei Verteidiger Ludwigs, sagte in seiner Rede: "Ohne Zweifel kann die Nation heute erklären, dass sie kein monarchisches Regiment mehr will. (... ) Ich spähe unter euch nach Richtern und bekomme nur Ankläger zu Gesicht. Ihr wollt richten über Ludwig und habt euer Urteil schon gefällt."

Louis Capet, so Ludwigs bürgerlicher Name, wurde schließlich am 17. Januar 1793 "der Verschwörung gegen die Freiheit der Nation" schuldig gesprochen. 387 von 721 Abgeordneten des Nationalkonvents stimmten für seine Hinrichtung, die drei Tage später vollzogen wurde.

Obwohl beide Fälle rund 220 Jahre trennen, sind sie doch ähnlich: Die Protestbewegung, der Sturz des Machthabers und die anschließende Verurteilung bis hin zur möglichen Hinrichtung.

Doch es gilt etwas zu beachten: Der Tod von Ludwig XVI. beendete nicht die französische Revolution. Rückblickend wurde er zum Vorboten des Terrors der Jahre 1793 bis 1794, in denen mindestens 17.000 "Feinde des Volkes" starben, die nicht im Sinne der Revolution handelten.

Es steckt also viel mehr in revolutionären Gerichtsverfahren. Sie sind eine Abrechnung mit dem Alten, dem Starren und dem Falschen. Doch sie alleine bringen keinen Umbruch, wenn sich politische Parteien weiterhin bekämpfen. Europa hat 1793 gezeigt, wohin verblendete Wut führen kann.

Ägypten und die arabische Welt können es jetzt besser machen. Dazu dürfen sie ihre Zukunft nicht bloß an der Verurteilung der Machthaber festmachen, sondern müssen mit aufklärerischer Vernunft ein längerfristiges, demokratisches Miteinander planen. Nur so können sie zukünftigen Staaten ein positives Vorbild sein.