In Deutschland entlassen Verteidigungsminister ihre Generalinspekteure und nicht umgekehrt. In der Türkei war es lange Zeit üblich, dass der Generalstabschef den Premier aus dem Amt drängte. Das ist seit diesem Sommer anders. Zumindest darin ist die Türkei neuerdings Deutschland ähnlicher geworden.

Es war Premier Tayypip Erdoğan und kein hoher General, der Anfang August die Sitzung des Hohen Verteidigungsrates leitete. Der alte Generalstab war zuvor komplett zurückgetreten – auch um Erdoğan bloßzustellen.

Das Manöver missglückte. Erdoğan berief vor dem Hintergrund der angespannten Lage in den Kurdengebieten geschwind einen neuen Generalstabschef . Wenige Tage später folgte die Neubestellung der gesamten Armeeführung.

Im Westen haben die türkischen Winkelzüge um die Macht zu bangen Fragen geführt. Ist das Militär entmachtet und sind damit Säkularismus und Westorientierung der Türkei in Gefahr? Ist der neue Generalstabchef Necdet Özel ein Tarnkappenislamist? Auf diese Fragen gilt es Entwarnung zu geben, dafür aber vor einer anderen Gefahr zu warnen.

Dieses Militär war schon lange nicht mehr der Garant der türkischen Westorientierung. Im Generalstab konnten höchste Offiziere jahrelang über antiwestliche Bündnisse mit Russland schwadronieren.

Das abgeschottete Militär achtete in Schulen und Akademien peinlich darauf, nicht mit westlichem Gedankengut infiziert zu werden, das den türkischen Nationalismus infrage stellen könnte. Amerika war unbeliebt, die EU galt als Sponsor des im Militär verhassten Tayyip Erdoğan. Hier geht also nichts verloren, man kann nur auf Besserung hoffen.

Das gilt auch für den neuen Generalstabschef. Necdet Özel ist gewiss Erdoğans bevorzugter General unter vielen ungeliebten Möglichkeiten. Ein Islamist ist er bestimmt nicht. Kein tiefgläubiger Soldat mit Sympathien für den politischen Islam hätte es in den vergangenen Jahrzehnten in die höheren Ränge der Armee geschafft. Zu viel Raki-Kampftrinken, zu genaue Spindkontrolle (liegt da ein Koran zu viel?), zu häufige politische Säuberungen.

Özel hatte als Chef der Gendarmerie eine sichtbare Position inne. Warum manche Nationalkemalisten ihm unterstellen, ein verkappter Religiöser zu sein, wird damit zusammenhängen, dass Özel eher die Linie vertritt, die Armee habe sich aus der Politik herauszuhalten.