Die Schlange vor Tim Pawlentys Wahlkampfzelt ist überraschend erträglich. Familie Freligh muss nur zwanzig Minuten anstehen, bis jeder einen Plastikteller mit Grillfleisch, roten Bohnen und Krautsalat in Sahnesoße in die Hand gedrückt bekommt. Das ist gut für den Familienfrieden. Um 3 Uhr nachmittags hängen die Mägen schief und die Füße schmerzen vom stundenlangen Herumlaufen zwischen den Ständen der Waffenlobby, der Abtreibungsgegner und der Anwälte für Steuersenkungen. Drüben bei Pawlentys Konkurrentin Michele Bachmann ist die Wartezeit angeblich auf zwei Stunden angewachsen; so groß ist der Andrang bei der neuen Ikone der Parteirechten, trotz der brennenden Sonne.

Ginge es nach Güte und Menge des Essens, müsste es umgekehrt sein. Pawlenty hat die populäre Gaststätte "Famous Dave’s Barbecue" mit der Verköstigung seiner Anhänger beauftragt. Bachmann setzt auf die Zugkraft des Countrysängers Randy Travis und hat offenbar beim Essen etwas zu knapp kalkuliert. Jedenfalls sind im Verlauf der Mittagsstunden, als die Schlangen ihrer hungrigen Fans nicht kürzer werden wollten, die vor ihrem Zelt ausgereichten Portionen von "Pulled Pork" immer kleiner geworden. Das am Stück gegrillte und dann in mundgerechte Bissen gezupfte Schweinefleisch ist eine Spezialität im Farmstaat Iowa.

Der Vergleich der Warteschlangen bringt die Frelighs ins Grübeln. Liegt es womöglich am politischen Menü, wenn die größeren Massen zu anderen Zelten strömen? Sie wünschen sich, dass Tim Pawlenty, der Ex-Gouverneur von Minnesota und in ihren Augen ein gemäßigter Rechter, Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird. Deshalb sind sie an diesem Wochenende auf das Gelände der staatlichen Universität im unscheinbaren Städtchen Ames im Mittleren Westen der USA gekommen. Dort lassen die Konservativen die Basis bei der so genannten "Straw Poll" im August vor dem Wahljah r über den Lieblingsbewerber abstimmen. Der lange Weg ins Weiße Haus beginnt zwischen Maisfeldern, Rinder- und Schweineställen. Es ist der erste ernsthafte Stimmungstest in der Partei, wie die Machtverhältnisse zwischen den Parteiflügeln aktuell verteilt sind: den Wirtschaftsliberalen, der religiösen Rechten und der jungen Fraktion der "Tea Party", die das Establishment seit zwei Jahren das Fürchten lehrt.

Die "Stroh-Wahl" ist ein Anhängsel der Landwirtschaftsmesse in Des Moines, der nur 50 Kilometer entfernten Hauptstadt Iowas. Die Messe zieht im Verlauf der elf Tage Dauer eine Million Besucher an mit ihrer Leistungsshow zentnerschwerer Kürbisse, der besten Zuchtbullen, Milchkühe und Eber, der Vorführung neuester Landwirtschaftsgeräte und mit ihren kulinarischen Angeboten, von geräucherter Truthahnkeule über den "Corndog", ein in Maismehlteig gehülltes Würstchen, bis zu Rindersteaks und Bier. Sie dient den Bewerbern zugleich als Wahlkampfbühne – in der Hoffnung, dass rund zwanzigtausend Besucher am Samstag den Abstecher zur Straw Poll in Ames machen.

Bachmanns Radikalopposition schreckt auch ab

Sam Freligh ist Flugzeugmechaniker, seine Frau Peggy Krankenschwester. Sie sehen Amerika auf einem gefährlichen Weg. Die Wirtschaft stottert, die Staatsausgaben und die Schulden wachsen, die Sitten verfallen. Die Heiligkeit der Ehe ist bedroht, in immer mehr Staaten dürfen Homosexuelle jetzt heiraten . Die Regierung Obama möchte jedem Bürger zudem eine Krankenversicherung aufzwingen, statt ihm die Entscheidungsfreiheit zu überlassen. Das alles muss sich wieder ändern. Insofern gefällt ihnen die Vehemenz, mit der Michele Bachmann diese Forderungen vertritt. Einerseits.

Andererseits schreckt die kompromisslosen Opposition der Abgeordneten Bachmann gegen Präsident Obama Republikaner vom Schlage der Frelighs ab. Zu allem sagt sie Nein und zu nichts Ja. "Man soll schon Werte und Prinzipien verteidigen", sagt Sam. "aber was nützt es, wenn es nur Worte bleiben und keine Veränderung bewirkt?" Bevor die Familie nach Iowa zog, hat sie im Nachbarstaat Minnesota gelebt, als Pawlenty dort Gouverneur war. "Er hat mit den Demokraten gekämpft, aber am Ende Kompromisse geschlossen und etwas erreicht", erzählt Sam. Bei der Fernsehdebatte am Donnerstag sei ihm das noch mal so richtig aufgefallen. Bachmann habe die schärfere Rhetorik. "Wer jedoch Präsident werden will, muss regieren können und sich mit den Gegnern arrangieren."

Was ist die richtige Mischung aus ideologischer Reinheit und Pragmatismus? Das ist die klassische Frage für eine Partei, die ihre Basis mobilisieren will, aber zugleich Wähler der Mitte anziehen möchte, ohne die ein Sieg über das gegnerische Lager rechnerisch kaum möglich ist. In Iowa schnitten die Radikalinskis bei den Straw Polls in früheren Jahren schlecht ab. 2007 gewannen moderate Kandidaten, auch wenn sie gegen republikanische Grundprinzipien verstoßen hatten. Erster wurde damals Mitt Romney , ein Geschäftsmann und Mormone, der mit seiner Wirtschaftskompetenz warb, aber beim Abtreibungsverbot wackelte. Zweiter wurde Mike Huckabee, ein Gitarre spielender Pfarrer, der als Gouverneur von Arkansas die Steuern erhöht hatte.