ZEIT ONLINE: Frau Reich, wie schwer war es, ein Buch über ein Thema zu schreiben, über das so viel geschrieben und gesagt wurde?

Anja Reich: Schwer war nicht das Schreiben, sondern die Entscheidung, es überhaupt zu schreiben. Es gibt bereits so viele Bücher über den 11. September, und ich hätte nicht gedacht, dass ich da noch etwas hinzuzufügen habe. Der Tag ist in den letzten zehn Jahren so wahnsinnig groß geworden. Wenn man über den 11. September redet, redet man gleichzeitig über Afghanistan , den Irak , über Verschwörungstheorien . Das hatte mit dem Tag, den ich erlebt habe, überhaupt nichts zu tun. Als ich das irgendwann gemerkt habe, hatte ich das Bedürfnis, meine Geschichte zu erzählen, mir diesen Tag zurück zu holen. Das Schreiben an sich ist mir dann überhaupt nicht mehr schwer gefallen.

ZEIT ONLINE: Ist Wo warst du? – Ein Septembertag in New York eher ein Buch über Ihr Privatleben oder ein Buch über den 11. September?

Reich: Das ist kein Buch über unser Privatleben. Es spielt an einem Tag vor zehn Jahren und es beschreibt eine Beziehung – unsere Beziehung – vor dem Hintergrund dieser Katastrophe. Mein Mann und ich sind beide Journalisten und als wir Kinder hatten und nach New York gingen, sind wir in diese klassische Rollenverteilung hereingerutscht. Am 11. September 2001 war ich also die Ehefrau, die zu Hause bei den Kindern bleibt, und mein Mann war für den Spiegel in Manhattan. Wir wollten ein Problem zeigen, das jede Beziehung kennt: Man empfindet anders, man nimmt die Dinge anders wahr. Wir wollten unsere zwei Sichtweisen auf diesen Tag zeigen. Es sind verschiedene Perspektiven und verschiedene Stimmen. Das war die Idee dieses Buches.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Anschläge nachhaltig verändert?

Reich: Auf eine Weise schon, auf eine andere nicht. Es ist unglaublich, wie schnell der Alltag in New York weiterging. Bürgermeister Rudolph Giuliani rief damals die Leute auf , wieder herauszugehen auf die Straßen. Sie sollten ganz normal weitermachen. Das habe ich auch gemacht. Am übernächsten Tag ging die Schule für unseren Sohn wieder los, der Kindergarten meiner Tochter machte auf. Nach außen hin ging es ganz normal weiter. Aber innen hat sich etwas verändert. Ich hatte so eine Katastrophe noch nie erlebt. Ich hatte plötzlich Angst, in ein Flugzeug zu steigen oder in die Subway . Ich habe versucht, so wenig wie möglich nach Manhattan zu fahren und bei den Kindern zu bleiben. Diese Möglichkeit, das so etwas passieren kann, aus dem Nichts heraus, das kannte ich vorher nicht.

ZEIT ONLINE: Ihr Mann entschied sich nach den Anschlägen dazu, über die Brooklyn Bridge in Richtung Ground Zero zu laufen, um für den Spiegel darüber zu berichten. Sie sind selbst Journalistin. Was hätten Sie in an seiner Stelle getan?

Reich: Das ist ganz schwer zu sagen. Aber ich denke, dass ich auf der Brücke zurückgegangen wäre. Wenn man so viele Leute sieht, die einem völlig fertig und staubbedeckt entgegenkommen – da weiter zu gehen, das hätte ich nicht gekonnt. Ich wäre nach Hause gegangen zu meinen Kindern.