In Bulgarien sind in der Nacht bei Protestmärschen gegen Roma 168 Demonstranten festgenommen worden. Etwa 2.200 Menschen waren in 14 Städten auf die Straße gegangen – die seit Jahren stärksten Proteste in Bulgarien. Die Festgenommenen hätten Sprengsätze, Messer und Schlagstöcke dabei gehabt, teilte die Polizei mit. In Bulgarien sind fünf Prozent der Bevölkerung Roma.

An den Protesten beteiligen sich vor allem Teenager, die sich in sozialen Netzwerken organisieren. Mitarbeiter der Sicherheitsdienste beobachten der Zeitung Trud zufolge mehrere Facebook-Gruppen. Sie registrierten dabei viele Provokationen: Es würden Behauptungen über angeblich durch Roma begangene Verbrechen verbreitet, die es in Wirklichkeit nie gegeben habe.

Die Randale hatte am Wochenende begonnen, als ein prominenter Vertreter der Roma in dem südbulgarischen Ort Katuniza für den Tod eines von einem Auto angefahrenen 19-Jährigen verantwortlich gemacht wurde. Schon dabei nahm die Polizei 230 Menschen wegen Störung der öffentlichen Ordnung fest. Die Randalierer setzten mehrere Häuser und Autos des Beschuldigten in Brand.

Die Polizei hatte auch den als "Zar Kiro" bekannten 69-jährige Roma Kiril Raschkow wegen einer Morddrohung gegen einen Verwandten des 19-Jährigen festgenommen. Er soll durch den illegalen Handel mit Devisen, Gold und gepanschtem Alkohol reich geworden sein.

Ein persönlicher Konflikt?

"Raschkow ist dort, wo er seit Langem hätte sein sollen", sagte Vize-Innenminister Kalin Georgiew. Der Roma-Führer und seine Familie hätten "zwanzig Jahre lang straffrei das gemacht, was sie wollten".

"Dies ist ein persönlicher und kein ethnischer Konflikt", sagte Staatspräsident Georgi Parwanow, der Raschkow vorwarf, er habe seit mehr als einem Jahrzehnt keine Steuern bezahlt. Zusammen mit Regierungschef Bojko Borissow besuchte Parwanow Katuniza, um mit Vertretern der Konfliktparteien zu sprechen.

Nach den Krawallen entbrannte die Diskussion über die Integration der Roma in Bulgarien erneut. "Wo sind denn die Milliarden Hilfsgelder aus den verschiedenen Fonds?", fragte der Bürgerbeauftragte Pentschew im Staatsradio.

Rassistische Sprüche sind allgegenwärtig

Die Proteste überschatten den Auftakt des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahl am 23. Oktober. Staatspräsident Parwanow warnte vor der Versuchung, den Wahlkampf "ethnisch zu prägen". Doch der extrem nationalistischen Ataka-Partei kommt der Konflikt mit der Roma-Minderheit sehr gelegen. Sie forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe als Maßnahme gegen die Roma-Kriminalität. Rassistische Sprüche der Nationalisten wie "Zigeuner zu Seife!" kursieren nicht mehr nur im Internet, sondern sind auch bei Demonstrationen in Sofia und anderen Großstädten zu hören.

Die Roma gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen in Bulgarien. Ihre geringen Chancen, einen Job zu finden, sind Folgen einer schlechten Ausbildung und der wachsenden Diskriminierung.