Gleichzeitig aber möchte Erdoğan die Türkei als politische Schutzmacht etablieren für eine Staatsgründung der Palästinenser, die nächste Woche beim UN-Sicherheitsrat die Aufnahme als 194. Mitglied der Vereinten Nationen beantragen wollen. Ein palästinensischer Staat sei keine Option, sondern eine Verpflichtung, verkündete Erdoğan bei seiner knapp 30-minütigen Grundsatzrede. Der jetzige Zustand könne einfach nicht mehr so weitergehen.

Israel aber zahle nun den Preis dafür, dass es internationales Recht missachte und die menschliche Würde der Palästinenser mit Füßen trete. Der Regierung Netanjahu hielt er vor, sie führe ihr Land immer tiefer in die Isolation hinein. Das aber bedeute, "dass auch Israels Bürger nicht mehr sicher sind".

Mit diesen Worten jedoch platzierte Erdoğan die Türkei ausgerechnet in Kairo zum neuen Hauptrivalen von Ägypten im Ringen um die politische Vorrangstellung im Nahen Osten. Erdoğans Besuch ist der erste eines türkischen Regierungschefs am Nil seit 15 Jahren. Und mag im Augenblick auch die gemeinsame Konfrontation mit Israel die Rivalitäten zwischen den beiden regionalen Schwergewichten überdecken, die traditionellen Spannungen könnten schon bald wieder aufbrechen.

Denn neben Israel ist auch Ägypten nach wie vor an der Abriegelung des Gaza-Streifens aktiv beteiligt, die Erdoğan in Kairo erneut mit scharfen Worten geißelte . So machte er nicht nur eine offizielle Entschuldigung Israels für den Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte zur Bedingung für eine neuerliche Normalisierung der Beziehungen, sondern auch "die Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens". Einen Gaza-Besuch mit Einreise über Ägypten ließ der türkische Premier dann doch noch in letzter Minute aus dem Programm streichen – wie es heißt, auf Drängen seiner ägyptischen Gastgeber sowie von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Beide wollten ihr angespanntes Verhältnis zu Israel auf Druck der Türkei nicht noch weiter belasten.

Erschienen im Tagesspiegel