Warum bloß hat sich plötzlich alles gegen Israel verschworen? Nächste Woche wollen die Palästinenser ihren Staat von den Vereinten Nationen anerkennen lassen. In Kairo stürmen Krawalldemonstranten die israelische Botschaft, in Amman sammeln sich Protestierende vor der Vertretung, die Türkei weist den israelischen Botschafter aus . Israel scheint in diesen Wochen zu zerbrechen, was es sich über Jahrzehnte mühselig aufgebaut hat: diplomatische Beziehungen und verhaltene Freundschaft mit wichtigen Staaten des Nahen Ostens. Ist das alles eine Folge des Arabischen Frühlings, weil nun Islamisten und andere Feinde Israels das Sagen haben?

Nein. Die sich überschlagenden Ereignisse haben mehr mit der Öffnung und zunehmenden Vernetzung des Nahen Ostens zu tun. Mit der neuen Freiheit wird die Volksmeinung wichtiger. Das schlägt auf die Außenpolitik durch und wirkt zurück in die Innenpolitik. Die Beispiele Ägypten, Türkei und Palästina zeigen das. Israel muss sich darauf neu einstellen.

Über Jahrzehnte hatte die Jerusalemer Regierung in Ägypten ziemlich genau zwei Freunde – den Präsidenten und den Geheimdienstchef. Das reichte in autoritären Verhältnissen. Seit dem Sturz des Herrschers Hosni Mubarak im Februar aber ist Außenpolitik plötzlich Teil der Innenpolitik – und umgekehrt. Nur so lässt sich erklären, dass der Zorn der in Kairo stets überfüllten arabischen Straße plötzlich die Beziehungen zwischen Israel und Ägypten überschattet. Die ägyptische Regierung kann und will die Volksmeinung nicht mehr einfach ignorieren wie früher.

Viele, nicht nur Islamisten, fordern die Neuverhandlung des Camp-David-Friedens und das Ende von Gaslieferungen zu Vorzugspreisen an Israel. Hinzu kommt politisches Kalkül. Die Militärherrscher in Kairo zögerten lange, bis sie den Sturm auf die israelische Botschaft beendeten. Das Chaos liefert der Armee nun eine willkommene Begründung, künftig noch härter gegen Demonstranten vorzugehen und die Notstandsgesetze anzuwenden. Das Verhältnis zu Israel ist die Sache aller Ägypter geworden – und wird im innenpolitischen Kampf ausgenutzt.

Niemand weiß das besser als der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan , der Anfang der Woche in der ägyptischen Hauptstadt wie ein populärer arabischer Führer empfangen wurde. Er hatte vorige Woche den türkischen Streit mit Israel über die Erschießung türkischer Aktivisten auf hoher See vor Gaza 2010 noch einmal verschärft, was auch die Stimmung in Kairo hochkochen ließ.

Erdoğan versteht sich prächtig auf das Wechselspiel von Innen- und Außenpolitik. Daheim hält er mit Attacken gegen Israels Gaza-Blockade und Siedlungspolitik die türkische Opposition in Schach. In seiner Rede vor der arabischen Liga in Kairo warb er damit um die Herzen der Empörten und mehrt das Ansehen der Türkei. Nicht zuletzt profiliert er sich so gegen den iranischen Konkurrenten. Erdoğan, nicht Ahmadineschad ist der Held der arabischen Welt.