Es ist die Frage, die den Parteitag der Labour-Party überwölbt: Hat Ed Miliband das Zeug zum Gewinner, wird er seiner Partei rasch wieder zur Macht verhelfen? Die Antwort muss "Nein" lauten. Ungeachtet der passablen Rede des 41-jährigen Parteiführers auf den Jahreskongress in Liverpool. Ungeachtet einiger Ideen, die es wert sind, weiter entwickelt zu werden. Es überwiegen die Argumente für eine negative Prognose: die Persönlichkeit des Labour-Chefs zum einen, der Zustand seiner Partei zum anderen.

Nach der verlorenen Wahl vor 18 Monaten hat Labour sich in einer Komfortzone eingerichtet. In der Opposition können die Mitglieder und Aktivisten der Partei ihre Ideale hochhalten und Forderungen stellen, die ihr gutes Herz beweisen, ohne sich mit der Frage abplagen zu müssen, wie sie zu bezahlen seien. Zugleich kann man den politischen Gegner als hart, zynisch, unfähig zu jeglichem Mitgefühl verdammen. Das riesige Haushaltsdefizit? Alles letztlich Schuld skrupelloser Banker; die Kürzungsbeschlüsse der Regierung Cameron-Clegg? Ein sozialer Kahlschlag, dem es sich zu widersetzen gilt. Die Mitverantwortung der Labour-Regierungen für die ökonomische und finanzielle Situation des Landes wird beiseite gewischt.

Gewiss, Ed Miliband hat versucht, der weit verbreiteten Neigung der Delegierten entgegen zu treten, die unbequeme Realität zu verdrängen: Er räumte ein, dass Labour in ihren 13 Regierungsjahren Fehler gemacht habe. Er versprach, künftig werde man nur ausgeben, was sich das Land leisten könne. Auch garantierte er eiserne Disziplin beim Abbau des Defizits. So hatte auch schon Gordon Brown gesprochen, dann aber die finanzpolitische Disziplin zugunsten stetig steigender kostspieliger Wohltaten rasch wieder vergessen.

Das wirtschaftliche Glaubwürdigkeitsproblem der Partei besteht fort . In ungewohnter Klarheit belegt das die neue Studie Southern Discomfort der Denkfabrik Policy Network: Danach bezweifeln die britischen Wähler, vor allem die in den wahlentscheidenden südenglischen Ballungsgebieten, sowohl ökonomische Kompetenz der Partei wie die Ernsthaftigkeit, den Wohlfahrtstaat zu reformieren.

Will Ed Miliband erfolgreich sein, müsste er die eigene Partei herausfordern, ihr unbequeme Wahrheiten zumuten und sie ins politische Zentrum führen. So wie das einst Tony Blair getan hat.

Ed Miliband aber hat sich daran gemacht, seine Partei weiter links anzusiedeln. Er glaubt, das Zentrum habe sich angesichts der ökonomischen Verwerfungen und der Krise der Finanzkapitalismus dorthin verschoben. Stimmte das, könnte seine Rechnung aufgehen. Doch Untersuchungen über das Wahlverhalten seit 2007 in Europa und Amerika bestätigen ihn nicht. Zu einer Renaissance der Linken kam es nicht, dagegen zu einer betrüblichen Stärkung populistischer Rechtsparteien. Dazu steht nicht im Widerspruch, dass die Abneigung gegen Banker und Spekulanten gewachsen ist. Miliband leitet daraus die Notwendigkeit von mehr Staat ab. Er unterscheidet zwischen predators , Raubtierkapitalisten, und verantwortungsvollen Unternehmern. Das klingt gut, doch hält näherer Prüfung nicht stand: Wer entscheidet, ob ein Unternehmen oder eine Investition der Gesellschaft dienlich ist oder nicht? Eine staatliche Bürokratie?