Der Fußweg von der Metrostation zum Luschniki-Sportpalast im Süden Moskaus führt an den Sonderparkplätzen vorbei. Zuerst reihten sich dort Autobusse des Parteivolks aneinander, das auf dem Parteitag der Staatspartei Einiges Russland von den ferneren Rängen jubeln durfte. Hinter den Reihen der Dienstwagen tschechischer oder schwedischer Marken folgten dann Hunderte deutscher Nobelautos, vor dem Haupteingang der Halle schließlich zwei Dutzend hochklassiger Limousinen aus Stuttgarter oder Münchner Produktion. Denn fast die gesamte politische Elite Russlands traf sich hier.

Präsident und Premier waren angekündigt. Es sollte ein historischer Tag werden. Denn nach Monaten der Hypothesen und des Rätselratens, wer der nächste Präsidentschaftskandidat sein werde, beantwortete das Politikertandem Dmitrij Medwedjew und Wladimir Putin die Schlüsselfrage des Jahres.

Präsident und Premier schritten unter stürmischem Applaus in die Halle. Kaum war die Nationalhymne – eine Melodie aus sowjetischer Zeit – verklungen, legte Putin los: Die Frage um den Präsidentschaftskandidaten sei schon vor Jahren mit Medwedjew verabredet worden, sagte er, und legte den Delegierten Medwedjew für den ersten Platz der Kandidatenliste für die Parlamentswahl nahe. Dann trat Medwedjew auf und schlug Putin als nächsten Präsidenten vor – wegen der vielen Parteiarbeit, die nun auf ihn zukomme. Dann hielt Putin seine Wahlkampfrede und kündigte im letzten Satz Medwedjew als künftigen Premierminister an. Stürmischer Applaus.

Präsidentenamt als Deklassierung

So wechselt die Führerschaft einer der Atommächte der Welt nach Kumpelabsprache. Das Tandem tauscht die Plätze, und alles bleibt beim Alten.

Denn schon in den vergangenen dreieinhalb Jahren war Putin der starke Mann in Russland. Für Medwedjew ist Putins Rückkehr ins Präsidentenamt eine Deklassierung. Jetzt ist klar: Er war also immer nur ein Platzhalter.

Zu Anfang seiner Amtszeit bestand noch die Hoffnung, dass mit ihm die Politikwende zu einer liberaleren und weltoffeneren Gesellschaft einhergehe. Es trat ein junger, von der Sowjetzeit persönlich nur noch wenig beeinflusster Jurist auf, der der Freiheit und Demokratie in stubenreinem Russisch das Wort redete.

Medwedjew als Sündenbock

Doch je länger Medwedjew schöne Ansprachen ohne Folgen hielt, desto ermüdender wurden seine Auftritte. Er hat, das wissen wir nun, Putin nur den Thronsessel warm gehalten. So klaglos ist wohl selten ein Amtsinhaber einer Großmacht abgegangen, der noch Wochen zuvor betont hatte, dass er gerne weitermachen wolle.

Für einen Präsidenten Putin wird Medwedjew künftig den schwachen Premierminister geben und in Krisenzeiten als Verantwortlicher für die laufenden Geschäfte notfalls als Sündenbock dienen.

Zweifel an den Ergebnissen der Parlamentswahl im Dezember und der Präsidentschaftswahl im März gibt es keine. Medwedjew und Putin sind Mehrheiten sicher. Die Konkurrenz ist schwach, klein gehalten oder verboten in einem Land, das nach elf Putin-Jahren so demokratisch wie möglich aussehen soll, aber umfassend von oben kontrolliert wird.