Es waren die blutigsten Zusammenstöße seit dem Sturz des Mubarak-Regimes im Februar. Am Tag danach streitet das ägyptische Volk darüber, von welcher Gruppe die Gewaltexzesse ausgingen. Manche werfen dem Militär vor, unverhältnismäßig gegen koptische Demonstranten vorgegangen zu sein. Im Internet findet man jedoch auch vermeintliche Augenzeugen des Geschehens, die gegenteiliges behaupten: Die demonstrierenden Christen hätten die Militärfahrzeuge als erste attackiert – mit Waffen, Steinen und Molotowcocktails. In Videos auf YouTube erzählen Verwundete, wie sie angeblich von Kopten angegriffen wurden.

Viele Ägypter fürchten, dass sich die Sicherheitslage in ihrem Land weiter verschlechtert. In Internetbotschaften rufen sie zur Besonnenheit auf und warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft in Christen und Muslime. Besorgt erinnern Ägypter daran, dass das Mubarak-Regime beide Religionsgemeinschaften unterdrückt habe. Die Einigkeit der religiösen Gruppen sei notwendig, um nach der Revolution nun ein demokratisches und friedliches Ägypten aufzubauen.

Die Jugendbewegung 6. April ruft in einer Mitteilung dazu auf, "Zwist, Ignoranz und religiösen Fanatismus zu vermeiden und die Stimme der Vernunft herrschen zu lassen." Deutlicher positionieren sich die Aktivisten der Bewegung, die maßgeblich am Sturz von Ex-Machthaber Hosni Mubarak im Februar beteiligt waren, allerdings auf Twitter: "Der Militärrat ist eigentlich der Nachfolger von Mubarak und hat die gleichen dummen, militärischen Lösungen zu bieten wie er. Er macht die Spannungen noch schlimmer. Und das ägyptische Fernsehen lügt immer noch und führt in die Irre." In einer weiteren Twitter-Meldung fordert die Bewegung, dass das Militär die Macht an eine zivile Regierung abgeben soll.

Resigniert reagiert indes der bekannte ägyptische Blogger Wael Ghonim, der ebenfalls als Symbolfigur der ägyptischen Revolution gilt. Er hatte via Facebook zum Widerstand gegen das Mubarak-Regime aufgerufen. "Jedes Mal passiert das gleiche Verbrechen" twittert er nun: "Blut wird vergossen, widersprüchliche Meldungen und Gerüchte werden verbreitet und religiöse Zwietracht gesät. Und die Regierung: Sie verurteilt, verabscheut und prangert an."

Während Ghonim nicht direkt die Übergangsregierung für die eskalierende Gewalt verantwortlich macht, bezieht Emad Gad, Politologe am Al Ahram Center for Political and Strategic Studies in Kairo, genau diese Position. Seiner Meinung nach trage der Militärrat die volle Verantwortung für die Eskalation der Gewalt, sagt er im arabischsprachigen BBC-Fernsehen. Gad war Augenzeuge der Ausschreitungen.