ZEIT ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, in das tunesische Geheimdienstgefängnis zu kommen?

Hubertus Knabe: Ich war im April in Tunis, um die Übergangsregierung in Sachen Aufarbeitung zu beraten. Dort habe ich erfahren, dass im Gebäude des Innenministeriums die neu Verhafteten von der Geheimpolizei verhört und gefoltert wurden. Im Juli habe ich dann dem Innenminister die Gedenkstätte in Berlin gezeigt. Ich bat ihn, das Geheimdienst-Pendant in Tunis ansehen zu dürfen, und nach einigem Hin und Her konnte ich tatsächlich die ehemaligen Folterverliese besichtigen.

ZEIT ONLINE: Hat Sie als Stasi-Aufklärer etwas besonders bewegt?

Knabe: Es war ein relativ kleines Gefängnis mit 11 Zellen für angeblich 25 Personen. Auf den ersten Blick wirkte es fast harmlos. Nicht die Zellen waren das Schlimmste – ich hatte schockierende Augenzeugenberichte über Folterungen gelesen. Zum Beispiel über "Poulet Rôti": "Grillhähnchen". Dabei wurden die Gefangenen an Stöcke gefesselt, aufgehängt und bis zur Bewusstlosigkeit um die eigene Achse gedreht. Anderen schob man Flaschen oder Stäbe in den Anus. In der Decke sah man noch Haken, die wohl für diese Zwecke benutzt worden waren.

ZEIT ONLINE: Wurde im Gefängnis etwas verändert?

Knabe: Das Gefängnis sah aus, als hätte es ein Großreinemachen gegeben: Die Wände übermalt, der Boden geschrubbt. Nur die versifften Toiletten ließen ahnen, wie es früher ausgesehen haben muss. Und unter dem Anstrich konnte man Einritzungen der Gefangenen sehen: Striche, um die Tage zu zählen. Namen, Verzweiflungsrufe. Beim Rausgehen stieß ich auf einen großen Müllberg, die Büros waren fast alle ausgeräumt…

ZEIT ONLINE: … und mit ihnen die Beweise?

Knabe: Das ist leider zu vermuten. Selbst der Sprecher des Innenministeriums sagte mir, er wisse nicht, wo die Akten der Geheimpolizei seien. Im Unterschied zur DDR wurde das Gebäude der tunesischen Staatssicherheit nicht von Demonstranten besetzt. Niemand konnte deshalb kontrollieren, was seit der Flucht des Diktators mit den Akten passierte.

ZEIT ONLINE: Inwiefern ist Tunesien mit der DDR vergleichbar?

Knabe: Vieles erinnert mich an den Zusammenbruch des Kommunismus: die unerwartete Erhebung des Volkes, die unsichere Zeit der Übergangsherrschaft. Und für die Zukunft stellen sich ähnliche Fragen: Wie zieht man die Täter zur Verantwortung? Wie rehabilitiert man die Opfer? Wie findet man die Wahrheit über die Vergangenheit heraus? Wie verhindert man, dass das Unrecht in Vergessenheit gerät? Verglichen mit der DDR haben sie vieles sehr gut gemacht: Etwa sofort die Partei von Ben Ali verboten und die Parteizentrale zugemacht. Deren Unterlagen konnten damit – anders als bei der SED/PDS – nicht vernichtet werden.

ZEIT ONLINE: Die Tunesier haben kein "Westdeutschland", mit Richtern und Politikern, die von einer Diktatur unbelastet sind.

Knabe: Insofern ist die Lage eher vergleichbar mit der in Rumänien oder Polen. Das Land muss mit den Leuten auskommen, die da sind. Die Menschen fragen sich: Wo sind die alten Geheimdienstler? Ist die Justiz tatsächlich unabhängig? Da sitzen doch immer noch die alten Kader auf den Schlüsselpositionen.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich der alte Machtapparat denn schwächen?


Knabe: Das ist kompliziert. Immerhin wurde eine Kommission eingesetzt, die die Übergriffe der Polizei während der Revolution aufdecken soll, weil man der Justiz nicht traute. Sie hat viel Beweismaterial gesammelt, wie ich festgestellt habe. Beweise wie der Fall eines Mannes, dem bei einer Demonstration ins Gesicht geschossen wurde. Oder jener Fall, bei dem einer mit seinem Handy das Vorgehen der Sicherheitsbeamten filmte. Daraufhin füllten diese einen LKW-Reifen mit Benzin, stülpten ihn ihm über den Kopf und zündeten ihn an. Bisher hat die Kommission allerdings nur Fälle seit dem Ausbruch der Revolution untersucht.