Argentiniens missachtete Veteranen

Für die Helden von einst gibt es nur noch heruntergekommene Wellblechhütten. In unmittelbarer Nähe des Casa Rosada, dem Amtssitz der argentinischen Präsidentin Christina Kirchner, haben die Veteranen des Falkland-Krieges ihr Lager aufgeschlagen. Hier im Herzen der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires pulsiert das Leben. Doch ihre Hütten wirken wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Fast 30 Jahre ist es her, dass die Welt wegen Argentinien und Großbritannien den Atem anhielt.

Die Länder führten 1982 einen Krieg um die Falklandinseln, eine kleine Inselgruppe unter britischer Verwaltung vor der Küste Südamerikas. Begeistert zogen die Argentinier seinerzeit in den Kampf, ihre Soldaten wurden wie Helden gefeiert, die dem britischen Empire tapfer die Stirn boten. Doch Argentinien verlor den Krieg, rund 1.000 Menschen starben in Wirren des tödlichen Konfliktes. Tragisch für die Soldaten: Nach der bitteren Niederlage wurden aus den Helden Versager, für die in der argentinischen Gesellschaft kein Platz mehr ist.

Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf ringen die argentinischen Veteranen des Krieges nun um politische Unterstützung, die Anerkennung der Gesellschaft und eine Kriegsversehrtenrente. Während die 1982 gefallenen Soldaten offiziell als Kriegsopfer anerkannt wurden, warten die Überlebenden bislang vergeblich auf eine Geste des Staates. Vor mehr als drei Jahren haben sie daher ihr Lager unweit des Präsidentenpalastes aufgeschlagen. Jetzt hoffen sie, dass das Thema von den politischen Kontrahenten im Rahmen der Präsidentschaftswahlen am 23. Oktober aufgenommen wird.

Tulio Fraboschi ist der Präsident des sogenannten Campamento toas plaza de mayo , des Zeltlagers auf einem der berühmtesten Plätze der Hauptstadt. Der Ex-Soldat will diesen Ort nicht mehr verlassen: "Ich kann nicht verstehen, wie die Politiker die Hymne singen können. Dass dieses Campo existiert, ist eine nationale Schande. Dieses Problem muss irgendwie gelöst werden", fordert er mit erzürnter Stimme. Von seinen Mitstreitern lässt er sich einen heißen Tee bringen, während draußen im kalten argentinischen Winter der Sturm die behelfsmäßigen Wände seiner Hütte erzittern lässt.

Tagsüber hausen die Langzeit-Demonstranten in notdürftig zusammengezimmerten Blechhütten, um Präsenz zu zeigen. Rund um ihre Unterkunft haben sie Spruchbanner und Plakate aufgehängt. Auf die werden vor allem Touristen aufmerksam, denn gleich gegenüber halten die Busse, die die Ausländer während ihrer Standrundfahrt ausspucken. Sie kommen eigentlich, um ein Foto von der Casa Rosada zu machen, und doch bleiben fast alle Touristen vor den Hütten der Veteranen stehen. Die Plakate, Flaggen und Banner verfehlen ihre Wirkung nicht.

Im eigenen Land stoßen die Veteranen dagegen auf wenig Sympathie. Tulio Fraboschi: "Einige Tageszeitungen haben über uns berichtet, aber das hat uns kaum weiter gebracht. Es gibt noch zu wenig Unterstützung und die Medien üben leider nur wenig Druck in dieser Angelegenheit aus." Mit Verlierern spricht offenbar niemand gern.

Verschärfte Spannungen zwischen den ehemaligen Kriegsparteien

Die argentinische Regierung hat offiziell nicht auf das Lager reagiert, obwohl die Präsidentin Kirchner die Demonstranten bei einem Blick aus dem Fenster täglich sehen kann. "Seit Beginn dieses Lagers hat die Regierung keine unserer Anfragen beantwortet. Es kümmert sich offiziell niemand um uns, es gibt auch keinen Ansprechpartner", berichtet Fraboschi. Er und seine Mitstreiter werden von Politik und Medien weitgehend ignoriert. Dafür wächst die internationale Unterstützung, wie beispielsweise durch die ARAC aus Frankreich, die älteste Veteranen-Organisation der Welt. Auch die katholische Kirche habe die Veteranen des Falklandkrieges anerkannt, sagt Fraboschi.

Die gewünschte Aufmerksamkeit könnten Fraboschi und seine Mitstreiter womöglich die seit wenigen Monaten wieder wachsenden Spannungen zwischen Argentinien und Großbritannien verschaffen. Als Großbritanniens Premier David Cameron vor wenigen Wochen die britischen Ansprüche auf die Falkland-Inseln untermauerte, konterte Kirchner kühl: "Das ist eine Stellungnahme der Mittelmäßigkeit, ja geradezu der Dummheit." Die diplomatische Sprache hat sich bedrohlich verschärft. In der aufgeheizten Wahlkampfatmosphäre kommen nationalistische Töne bei den stolzen Argentiniern gut an.

Hintergrund war die britische Suche nach Öl und Gas in unmittelbarer Nähe der Inselgruppe. Das britische Öl-Unternehmen Rockhopper Exploration gab Mitte September bekannt, ihre Experten hätten ein Potenzial von 350 Millionen Barrel in der Region ausfindig gemacht. Die argentinische Regierung antwortete vor wenigen Wochen damit, dass sie ihre Behörden erstmals einem Bewohner auf den Falkland-Inseln einen argentinischen Pass ausstellen ließ. Ein Präzedenzfall, der die britischen Bewohner der Inselgruppe erzürnt.

Fraboschi warnt die Politiker davor, die Fehler von damals zu wiederholen. Für ihn war der Falkland-Krieg ein Fehlschlag der Regierung auf ganzer Linie. Einen Konflikt kann man nicht mit Waffen lösen, sondern nur durch Verhandlungen, weiß er heute. In eigener Sache hofft er auf Einsicht bei den Politikern: "Die Regierung muss verstehen, dass unsere Forderung absolut gerechtfertigt ist und dass man dafür eine politische Lösung finden muss."