Feuerflammen erhellen das Nilufer, weiße Rauchschwaden wabern über das Pflaster. Steine prasseln, Schüsse sind zu hören. Von Weitem schon hört man Schreie und Kampfgeheul. Einzelne taumeln in die dunklen Seitenstraßen, halten sich den blutenden Kopf. Doch hinter ihnen, in den Tränengaswolken, bahnen sich bereits die Knüppel schwingenden Horden ihren Weg.

Am Ende sind 26 Menschen tot und rund 200 verletzt. Kairo erlebt in der Nacht von Sonntag zu Montag die schlimmste Gewalt seit dem Fall von Hosni Mubarak. Die Straßenkämpfe stürzen das post-revolutionäre Ägypten in seine bisher gefährlichste Krise. Denn die Gewalt könnte auch auf andere Teile des Landes übergreifen.

Am Montag eilen Übergangsregierung und Religionsführer von Kopten und Muslimen zu Krisentreffen, während die Prügeleien vor einem Krankenhaus im Stadtzentrum ungehindert weitergehen. Hier liegen viele der überwiegend koptischen Verletzten.

Unklar ist bisher, was diese Eskalation auslöste, die ganz Ägypten "in Gefahr bringt", wie es Übergangspremier Essam Sharaf auf seiner Facebook-Seite formuliert. "Vandalisierende Kräfte" wollten Chaos im Land säen und religiöse Spannungen schüren, sagt er später in einer Fernsehansprache. "Ich flehe alle Ägypter an, ob Muslime oder Christen, ob Alt oder Jung, ob Männer oder Frauen, bewahrt die Einheit unseres Landes."

Eine singende Prozession mit Steinen empfangen?

Schon mehrfach hatten Kopten in der Vergangenheit auf der Nil-Corniche vor dem staatlichen Fernsehgebäude gegen Übergriffe von radikalen Muslimen und für ihre Rechte demonstriert. Auch am Sonntag zogen wieder 2.000 Gläubige mit Kreuzen und Jesusbildern friedlich in die Innenstadt. Sie kamen aus dem Stadtteil Shobra, wo viele Christen wohnen. "Tantawi, wo ist deine Armee – dies ist auch unser Land?", skandierten die Menschen, die sich von der Militärführung mit dem Feldmarschall an der Spitze nicht genug geschützt fühlen. So hatten vor eineinhalb Wochen Salafisten im Dorf Marinab in Südägypten erneut einen christlichen Kirchbau in Brand gesteckt, der gerade renoviert und erweitert wurde.

Als am Sonntagabend der Kairoer Protestzug das Nilufer erreicht, wo die Menschen zusammen mit ihren Geistlichen ein symbolisches Sit-In halten wollen, eskaliert die Gewalt. Das staatliche Fernsehen bläst sofort in die Propaganda-Trompete: Kopten hätten auf Soldaten geschossen und drei von ihnen getötet, heißt es in ersten Meldungen. Die Armeeführung spricht laut CNN sogar von 12 getöteten und 50 verletzten Soldaten. Mit dramatischem Tremolo in der Stimme fordert der TV-Sprecher die Bevölkerung auf, auf die Straße zu gehen und die Soldaten vor dem christlichen Mob zu schützen.

Augenzeugen jedoch zeichnen ein deutlich anderes Bild von dem Ablauf der tödlichen Geschehnisse. Ein Reporter von Al Jazeera berichtet, Banden von zwielichtigen Typen in Zivilkleidung hätten den singenden Zug der Kopten mit einem Steinhagel empfangen. Unbekannte hätten aus einem vorbeifahrenden Zivilauto heraus das Feuer auf die Demonstranten eröffnet.

Gäste eines nahe liegenden Nobelhotels flüchten

In dem anschließenden Getümmel rast dann ein Panzerspähwagen in die Menge, überrollt und tötet fünf Demonstranten. Fotos der grausam Zerquetschten kursieren im Internet. Nach diesen tödlichen Provokationen gibt es für die rasende Menge kein Halten mehr. Mehrere Soldaten werden offenbar auf der Stelle totgeprügelt, wie Zeugen noch am Abend berichten. Der Truppentransporter ist in Sekunden durch Molotowcocktails in eine brennende Fackel verwandelt, das Pflaster aufgerissen, sämtliche Autos im Umkreis des Hilton Ramses Hotels sind zertrümmert, ausgeraubt oder angezündet. Die etwa 200 Gäste der Nobelherberge flüchten sich in die oberen Etagen. Vier nachrückende grüne Iveco-Lastwagen mit Bereitschaftspolizei werden mit einem solchen Steinhagel empfangen, dass ihre Fahrer in Panik wenden und in einer dichten Staubwolke davonrasen.