Ellen Johnson-Sirleaf wusste natürlich, dass ihr Name auf der Liste der Nobelpreiskandidaten stand, aber sie hat im Gespräch mit der ZEIT vor drei Wochen kein Wort darüber verloren. Die Staatschefin Liberias sprach über die Errungenschaften ihrer ersten Amtszeit und über die gewaltigen Herausforderungen, die vor ihrem Land liegen. Gerade hatte die heiße Phase des Präsidentschaftswahlkampfes begonnen (am Dienstag nächster Woche wird gewählt), da blieb keine Zeit für selbstverliebte Spekulationen.

Vermutlich war Johnson-Sirleaf heute Vormittag selbst überrascht, als die freudige Nachricht aus Oslo in der liberianischen Hauptstadt Monrovia eintraf: Die 72-jährige Politikerin ist nach der kürzlich verstorbenen Umweltaktivistin Wangari Maathai die zweite Frau Afrikas, die die höchste aller Ehrungen erhält: den Friedensnobelpreis.

Ellen Johnson-Sirleaf hat diese Auszeichnung für ihre couragierte Wiederaufbau- und Versöhnungspolitik in einem vollkommen zerstörten, verarmten und traumatisierten Nachkriegsland erhalten.

Zugleich aber würdigt dieser Nobelpreis alle Afrikanerinnen: Millionen namenloser Frauen, die frühmorgens mit einem Säugling auf dem Rücken hinaus auf die Felder ziehen. Die in der Gluthitze des Mittags in einer endlosen Schlange auf Medikamente warten. Die nachmittags Getreide dreschen oder Hirse mahlen oder Mais stampfen und abends gewaltige Brennholzbündel oder Wasserkanister auf ihren Köpfen balancieren.

Die Frauen Afrikas. Sie gebären die Kinder und ziehen sie groß. Sie säen, jäten und ernten. Sie kochen und waschen. Sie pflegen die Alten und Aids-Kranken. Und sie versöhnen ihre kriegerischen Männer, Brüder und Söhne. Mao hat einmal gesagt, Frauen trügen die Hälfte des Himmels. In Afrika tragen sie mindestens drei Viertel.

Als erste Staatschefin in der postkolonialen Geschichte des Kontinents ist Ellen Johnson-Sirleaf ein Leitbild für ganz Afrika: Ihr Erfolg stärkt die Position und das Selbstvertrauen der wenigen Frauen, die sich gegen die traditionellen Machtzirkel der Männer durchsetzen konnten. Es werden immer mehr, in Ruanda sind die Hälfte der Parlamentsabgeordneten weiblich, in Südafrika gibt es starke Ministerinnen und Oppositionspolitikerinnen, im panafrikanischen Parlament sind die Stimmen der Frauen nicht mehr zu überhören.

Frauen haben ein mütterliches Gespür, sagt Johnson-Sirleaf, sie seien wenig anfällig für Korruption und sorgten besser für das Gemeinwohl. Was keineswegs heißen soll, dass es in Afrika nicht auch habgierige, verantwortungslose, Hass und Gewalt schürende Politikerinnen gibt. Zuletzt lieferte Simone Gbagbo , die gestürzte First Lady der Elfenbeinküste, ein abschreckendes Beispiel.

Leymah Gbowee, die furchtlose Friedenstifterin

Sollte irgendjemand noch Zweifel an der Wiederwahl von Ellen Johnson-Sirleaf gehabt haben, so wurden diese nun endgültig zerstreut: In Monrovia jubeln die Menschen. Die Liberianer und vor allem die Liberianerinnen sind stolz auf ihre Präsidentin und Nobelpreisträgerin, die ihnen neue Hoffnung geschenkt hat und nun auch noch eine Weltberühmtheit ist. 

Zugleich dürfen sie sich über eine zweite Laureatin aus Liberia freuen: Leymah Gbowee, auch sie eine furchtlose Friedenstifterin: Sie hat über ethnische und religiöse Grenzen hinweg landesweit Mütter, Frauen, Schwestern und Töchter gegen den Warlord Charles Taylor und all die Soldaten und Rebellen organisiert, deren 14-jährige Gewaltexzesse Liberia an den Rand des Abgrunds gebracht hatten.

Aber das Hauptverdienst am Frieden und an der mühsamen Aussöhnung in Liberia kommt Ellen Johnson-Sirleaf zu, der "Eisernen Lady" an der Spitze des Staates, die man im Volk geradezu zärtlich "Ma Ellen" nennt, Mutter der Nation. Die Menschen können wieder Schlafen gehen, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen – und die Präsidentin wird voraussichtlich noch eine Amtszeit weiterregieren.

Sie kann es sich im Wahlkampf sogar leisten, selbstironische Töne anzuschlagen. "Die Affen arbeiten noch, die Paviane müssen noch ein bisschen warten", heißt ein Slogan ihrer Unity Party. Die Paviane, das sind die Konkurrenten um das Präsidialamt.

Man muss sich diese resolute Frau wie jenen Sisyphos vorstellen, den Albert Camus einmal als glücklichen Menschen beschrieben hat. Sechs Jahre hat Ellen Johnson-Sirleaf Steine auf einen steilen Berg gerollt, und immer wieder kamen sie ihr lawinenartig entgegen. Unverdrossen rollt sie die Steine weiter.

Sie hatte nicht viel Zeit, als wir uns vor drei Wochen in ihrem Dienstzimmer im sechsten Stock des Außenministerium in Monrovia trafen. Genug geredet, sagte die Präsidentin nach 30 Minuten. Kurz darauf brach sie ins Hinterland auf, um für sich zu werben. Vermutlich wird sie wie im letzten Wahlkampf wieder selbst zum Paddel gegriffen haben, als es darum ging, ein abgeschnittenes Dorf per Kanu zu erreichen.