Italien ist alt. Seit den neunziger Jahren steigt das Durchschnittsalter fast ununterbrochen. Im Norden des Landes stellen die Über-Fünfundsechzigjährigen inzwischen mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Rentenfrage eine derart große Rolle in der italienischen Politik spielt.

1995 brach deswegen die erste Koalition von Berlusconis Forza Italia und der Lega Nord auseinander. Drei Jahre später spielten bei dem Sturz der Mitte-Links Regierung unter Romano Prodi die Renten eine zentrale Rolle. Und in den vergangenen Tagen steht das Rentendilemma wieder im Zentrum der Verhandlungen zwischen Premier Silvio Berlusconi und Umberto Bossi, dem Chef der Lega Nord .

Sowohl die EU als auch die EZB haben Berlusconi klargemacht, dass eine grundlegende Rentenreform eine notwendige Voraussetzung für weitere Stabilisierungspläne Italiens ist. Mit der Reform soll das Renteneintrittsalter an europäische Standards angepasst werden. Das heißt, Italiener werden erst mit 67 Jahren, und nicht wie heute mit 60, in Rente gehen können.

Die Lega Nord, deren Wählerschaft sich vor allem auf den reichen und überalterten Norden Italiens konzentriert, findet kein Gefallen an dieser Vorstellung. "Wenn wir die Rente mit 67 vorschlagen", sagt Bossi, "machen uns die Leute fertig."

Nach einer dramatischen Krisensitzung in Berlusconis Residenz hat die Koalition nun einen Kompromiss geschlossen. Das Renteneintrittsalter für Frauen und Männer soll bis 2026 auf 67 Jahre stufenweise angehoben werden. Wie das aber genau geschehen soll, ist noch unklar. Selbst in Berlusconis Brief an die EU-Führung, der die Grundrisse des Kompromisses schildert, steht offensichtlich nichts genaueres dazu drin.

Die Lega Nord scheint in der Frage der Rente mit 67 aber immerhin nachgegeben zu haben. In dem zweiten Streitpunkt der Reform, den Frührenten, hat sie jedoch angekündigt, sich keinesfalls bewegen zu wollen. Derzeit kann ein Italiener, der 40 Jahre lang gearbeitet hat, in Rente gehen. Diese Frührentner, die zu 65 Prozent im Norden des Landes wohnen, kosten den Staat jährlich über neun Milliarden Euro. In den Boomjahren der italienischen Industrie war es relativ normal, dass Jugendliche im Alter von Fünfzehn bereits in einem Betrieb arbeiten gingen. Und viele von ihnen sind nun mit 55 in Rente gegangen.

Diese Jung-Rentner bleiben nach ihrem Ruhestand aber oftmals nicht untätig. Erfahrene Drechsler, Bäcker oder Tischler, die ihre Talente nicht mit Untätigkeit verschwenden wollen, arbeiten heute neben ihrer Rente schwarz und fügen dadurch der Staatskasse erheblichen Schaden zu. Das enthüllte die Tageszeitung La Stampa in einer Reportage. Um die Stimmen dieser fleißigen Frührentner geht es der Lega Nord.