Muammar al-Gadhafi wurde vergangene Woche in Sirte von den Truppen der Übergangsregierung getötet. Verwackelte Aufnahmen zeigen die letzten Augenblicke im Leben des Mannes, der noch vor wenigen Monaten von aller Welt als eigenwilliger Staatschef geduldet wurde.

Menschen aus politischen Gründen zu töten, war noch vor wenigen Jahren in unserem Kulturkreis unvorstellbar. Denn unsere christlich-abendländische Leitkultur sollte uns deutlich von der Barbarei in anderen Gebieten der Erde unterscheiden.

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Mai dieses Jahres ihrer Freude über die Tötung Osama Bin Ladens Ausdruck verlieh und in diesem Zusammenhang von einem "Erfolg für die Kräfte des Friedens" sprach, symbolisierte ihre Äußerung den Abschluss eines kulturellen Wandels. Scheinbar ist es mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert, den Tod eines Menschen in Kauf zu nehmen, wenn pragmatische und politische Argumente dies erfordern.

Wir rechtfertigen Eingriffe in fremde Systeme – wie zum Beispiel die Ermordung von Diktatoren und Terroristen – durch unsere vermeintliche moralische Vormachtstellung, die auf den Werten Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie beruht.

Wir greifen in Systeme ein, von denen wir glauben, dass sie gegen diese Werte verstoßen. Das Problem dabei ist: Wir exportieren unsere Wertvorstellungen, indem wir auf fremden Territorien selber gegen Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie verstoßen.

Gadhafi wurde halbnackt, angeschossen, blutüberströmt und fast bewusstlos von einer johlenden Menge bewaffneter Rebellen durch die Straßen von Sirte gezerrt. Wer diese Bilder gesehen hat und sich immer noch über einen Sieg der Freiheit, der Menschenrechte und der Demokratie freut, der macht es sich meiner Meinung nach zu einfach.

Der Autor des Artikels betreibt ein eigenes Blog, auf dem eine ausführliche Version dieses Beitrages erschienen ist.