Nach dem Ende der Ära Gadhafi wendet sich Libyen dem Vorhaben zu, demokratischere Strukturen zu schaffen. Nur wenige Stunden nach dem Tod des früheren Machthabers Muammar al-Gadhafi hat der Übergangsrat mit der Bildung eines neuen Staatswesens begonnen. Schon in einem Monat soll die neue Übergangsregierung in Tripolis feststehen. Nach zunächst unbestätigten Berichten wollte der Übergangsrat Libyen am Samstag für befreit erklären. Ministerpräsident Mahmud Dschibril sagte nach Informationen des Senders Al Jazeera, die neuen Machthaber wollten dann offiziell den Beginn der Übergangsphase auf dem Weg zu einem demokratischen Staat verkünden. Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, wolle dies in Sirte, der Heimatstadt von Ex-Diktator Gadhafi tun. Dann werde binnen 30 Tagen eine neue Übergangsregierung gebildet. Acht Monate später solle ein Nationalkongress einberufen werden, um die Weichen für einen kompletten Neuanfang zu stellen.

Dschibril sagte, der Übergangsrat habe nach dem Tod Gadhafis Kontakt mit dem Internationalen Strafgerichtshof aufgenommen. Das Gericht habe die Libyer gebeten, Gadhafi vorerst nicht zu begraben, damit der Leichnam untersucht werden könne. Der Übergangsrat habe jedoch anders entschieden. Allerdings hätten Ärzte Haar- und Gewebeproben von der Leiche genommen, um keine Zweifel an der Identität des Getöteten aufkommen zu lassen.

Gadhafi werde in Kürze an einem unbekannten Ort nach islamischem Ritus begraben, sagte Dschibril. Was mit seinem Körper geschehe, sei "ziemlich egal, Hauptsache, er verschwindet". Offenkundig will der Übergangsrat damit verhindern, dass das Grab zu einem Wallfahrtsort für Gadhafi-Anhänger wird. Die Leichen Gadhafis und seines Sohnes Mutassim befanden sich am Donnerstagabend in einem Haus in der westlich gelegenen Küstenstadt Misrata. Nach einem Bericht der New York Times wurde Gadhafis Leichnam in der Stadt von Hunderten Menschen beäugt. Feiernde Soldaten der Übergangsregierung gaben unterdessen die "ultimativen Trophäen dieser Revolution" von Hand zu Hand weiter – Gadhafis goldene Pistole, sein Satellitentelefon, seinen braunen Schal und einen schwarzen Stiefel.

Umstände von Gadhafis Tod sind weiter unklar

Wie Gadhafi in seiner Heimatstadt Sirte ums Leben kam, konnte bisher nicht geklärt werden, da sich die Berichte widersprachen. Zuletzt sagte Ministerpräsident Mahmud Dschibril, Gadhafi sei gefangen genommen und kurz darauf lebensgefährlich verletzt worden, als die Kämpfer, die ihn auf einem Pritschenwagen von Sirte nach Misrata bringen wollten, auf dem Weg unter Beschuss geraten seien. Ein Gerichtsmediziner konnte demnach nicht feststellen, von welchen Kämpfern das Geschoss stammte. Bis zu seinem Eintreffen im Krankenhaus in Misrata sei Gadhafi jedoch am Leben gewesen. Er sei nicht, wie ebenfalls berichtet worden war, von den Kämpfern zu Tode geprügelt worden, sondern erst nach seiner Ankunft im Krankenhaus von Misrata gestorben, weil er viel Blut verloren habe.

Ein Mitarbeiter des Übergangsrates hatte Kämpfer der Regierung für Gadhafis Tod verantwortlich gemacht. "Sie haben ihn sehr brutal verprügelt und dann getötet. Das hier ist Krieg." Ein anderer Mitarbeiter der Übergangsregierung sagte, Gadhafi sei in einem Krankenwagen verblutet. Ein Arzt des Krankenhauses von Misrata, der Gadhafis Leiche untersucht habe, sei hingegen zu dem Schluss gelangt, der Ex-Diktator sei durch "Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Bauch" gestorben. Das berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija. Dies könnte auf eine Hinrichtung nach der Gefangennahme hindeuten.

Außer Gadhafi sollen auch dessen Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi und Verteidigungsminister Abu Bakr Junis getötet worden sein. Am Abend wurde zudem der Tod der Gadhafi-Söhne Saif al-Islam und Mutassim vom staatlichen Fernsehen bestätigt. Beide sollen wie ihr Vater in Sirte getötet worden sein.

Der Nato-Rat will auf einer Sondersitzung voraussichtlich schon am heutigen Freitag den Militäreinsatz in Libyen für beendet erklären. US-Präsident Barack Obama sprach von einem "historischen Tag in der Geschichte Libyens". "Sie haben ihre Revolution gewonnen", sagte er an die Rebellen gerichtet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem Schlusspunkt unter dem Regime Gadhafi. "Damit geht ein blutiger Krieg zu Ende, den Gadhafi gegen sein eigenes Volk geführt hat", sagte Merkel.