In Polen haben am Sonntagmorgen die Wahlen für ein neues Parlament begonnen. Ob der Regierungschef Donald Tusk an der Macht bleibt oder ob der nationalkonservative Oppositionsführer Jarosław Kaczyński neuer Regierungschef wird, ist schwer vorherzusehen. In den aktuellsten Prognosen wurde Tusks regierender Bürgerplattform (PO) nur noch eine geringe Mehrheit vor Kaczyńskis Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vorausgesagt. Auch die neu gegründete Protestpartei Ruch Palikota, die sich unter anderem für die kostenlose Verbreitung von Verhütungsmitteln im katholisch geprägten Polen einsetzt, scheint Wähler für sich gewinnen zu können. Umfragen zufolge könnte die Partei mit mehr als zehn Prozent der Stimmen die drittstärkste Kraft im Parlament werden.

Würde Tusk die Wahl für sich entscheiden, wäre er der erste wiedergewählte Regierungschef Polens nach dem demokratischen Umbruch von 1989. In seinem Wahlkampf zeigte sich Tusk als volksnaher Pragmatiker. "Die Reformen dürfen nicht wehtun", wiederholte der Historiker stets. Er wolle den Menschen warmes Wasser in der Leitung statt ideologischer Visionen garantieren, sagte Tusk.

Der Regierungschef präsentierte sich als starker Mann, der als Einziger seine Landsleute vor den Folgen der Finanzkrise schützen kann. Es gehe darum, Polen vor dem finanziellen Zusammenbruch zu retten, sagte Tusk zum Abschluss seiner Wahlkampagne am Freitag. Er versprach Hilfen in Milliardenhöhe aus EU-Kassen. Bis zu 300 Milliarden Zloty (etwa 67,5 Milliarden Euro) Brüsseler Fördergelder, die seine Regierung erkämpfen will, sollen das Land weiter auf Wachstums- und Modernisierungskurs bringen. "Bei uns gab es keine Massenentlassungen und Bankrotts", lobte er die erfolgreiche Bewältigung der Wirtschaftskrise in Polen.

In der Außenpolitik gelang es Tusk, das belastete Verhältnis zu den beiden großen Nachbarn Deutschland und Russland zu entspannen. Mit Kanzlerin Angela Merkel verbindet ihn sogar ein freundschaftliches Verhältnis. Ungeachtet der Kritik seitens der Opposition, die ihm Nachgiebigkeit gegenüber den Nachbarn vorwirft, will Tusk seinen außenpolitischen Kurs fortsetzen.

Tusk hat seine wirtschaftsliberalen Ideen verworfen

Tusk wuchs in Danzig in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Schüler solidarisierte er sich mit den Werftarbeitern, die im Dezember 1970 gegen das Regime auf die Straße gingen. Im Jahr 1980 gehörte er zu den Mitbegründern der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" an der polnischen Ostseeküste.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 ging Tusk in die Politik. Er gehörte zum liberalen Flügel der Partei Freiheitsunion von Tadeusz Mazowiecki, bis er 2001 seine eigene Gruppierung PO aus der Taufe hob. Mit ihr kam Tusk vor vier Jahren an die Macht. Von seinen wirtschaftsliberalen Ideen hat er sich inzwischen verabschiedet: Regierungsverantwortung mache sensibler für soziale Belange, sagt er heute.

Tusks nationalkonservativer Konkurrent Jarosław Kaczyński, der das Amt von 2006 bis 2007 schon einmal innehatte, hat sich im Wahlkampf ebenfalls als starker Macher präsentiert. Er legte seinen Fokus jedoch auf konservativ-katholische Werte und auf seine Fähigkeit, sich auch vom großen Nachbarn im Westen nicht einschüchtern zu lassen.