Zum ersten Mal in der Geschichte Tunesiens sieht sich das Volk im Spiegel. Die Beteiligung an der Wahl zur verfassunggebenden Versammlung liegt weitaus höher als erwartet und könnte zwei Drittel der Wahlberechtigten oder sogar mehr erreicht haben. Organisiert hatte die Wahl erstmals nicht das Innenministerium, in dem nach wie vor Funktionäre des alten Regimes von Ben Ali dominieren, sondern eine frischgebackene Institution, hervorgegangen aus der Zivilgesellschaft. Der Neutralität dieser "Obersten nationalen Wahlinstanz" (ISIE) stellten die Wahlbeobachter der EU durchweg ein gutes Zeugnis aus, und auch das Wahlverfahren war so konstruiert, dass Fälschungen in großem Stil unmöglich waren.

In den rund 8.000 Wahlbüros des Landes rissen die Warteschlangen zwölf Stunden lang nicht ab. Geduldig harrten die Wähler bis zu drei Stunden aus, mitunter in praller Sonne, um zum ersten Mal in ihrem Leben frei zu wählen. Diese Disziplin sowie die Tatsache, dass die Wahlbüros unter dem Ansturm der Wähler nicht zusammenbrachen, war schon eine bewundernswerte Leistung. Da fällt wenig ins Gewicht, dass die Ergebnisse wegen des unerwarteten Andrangs wohl erst Dienstag bekannt gegeben werden können.

Die Wartezeit in den Schulen, in denen die Büros eingerichtet waren, war für Agitationstrupps mehrerer Parteien Anreiz genug, noch einmal die Unentschlossenen zu beeinflussen. Das war natürlich verboten, weshalb es hier und da zu erregten Auseinandersetzungen kam; die nationale Wahlkommission wurde deswegen pausenlos unter der Telefonnummer 1814 angerufen. Die meisten Vorwürfe richteten sich gegen die islamistische Ennahda , was sich allerdings schon statistisch daraus erklärt, dass sie die mitgliederstärkste Partei ist.

Am Erfolg der Islamisten gab es schon in den Wochen zuvor wenig Zweifel. Gegen die Vermischung des Heiligen mit dem Politischen kam in Tunesien keine andere Partei an. Diejenigen zu wählen, die Gott am nächsten stehen, das war eine einfache, durchschlagende Losung. Sie ordnete die unübersichtliche politische Landschaft mit ihren 117 Parteien, deren Botschaften überwiegend schwammig und deren Wahlversprechen oft durchsichtig waren: Das reichte von kostenlosem Strom, über 1,5 Millionen neuer Arbeitsplätze in einem Jahr bis zum Bau eines Tunnels zwischen Tunesien und Italien.

Vor allem aber hat Ennahda das getan, was die meisten Konkurrenten versäumten. Die Islamisten hatten schon vor Monaten mit der Basisarbeit begonnen. Von Haus zu Haus, von Wohngebiet zu Wohngebiet zogen sie, mit feinem Sinn für strategische Punkte wie zum Beispiel soziale Einrichtungen, Moscheen, Friseure und Cafés. Sie wandten sich besonders an die Unterschichten, wissend, dass für diese die Frömmigkeit oft das einzige Positive ist, das sie haben.

Doch da ist mehr. Denn der Islamismus ist mitnichten nur die Reaktion der Unterprivilegierten auf eine Gesellschaft, deren Oberschicht von der Globalisierung profitiert. Vielmehr füllt er das Loch, das die moralische Krise Tunesiens gerissen hat und die durch die Revolution nur zum Teil überwunden wurde. Das Volk hat 23 Jahre lang unter einer Diktatur gelebt, die sich auf Repression und Korruption stützte, und wer es angesichts dessen nicht auf sich nahm, in den Widerstand zu gehen, musste sich mehr oder weniger arrangieren.