Die alte Regel gilt noch immer: Wer verstehen will, der sollte einen Taxifahrer fragen. Das trifft auch auf die polnische Parlamentswahl zu, bei der am Sonntag Donald Tusk bestätigt wurde . Wie ihm das gelungen ist? "Er ist das kleinste Übel", sagt der junge Mann hinter dem Steuer. 32 Jahre ist er alt, hat ein kleines Transportunternehmen aufgebaut und wettert nun darüber, dass der Straßenbau in Polen nicht vorankommt, der Staat kein funktionierendes Gesundheitssystem garantiert und die Strukturen auf dem Arbeitsmarkt derart verkrustet sind, dass er und seine Altersgenossen kaum eine Zukunftsperspektive haben.

Gewählt hat er trotzdem, und zwar Tusks Bürgerplattform. "Wen sonst?" Es gab im Grunde keine Alternative: Diese Einsicht des jungen Taxifahrers beschreibt die Stimmung und die Lage nach der Sejm-Wahl nahezu perfekt. Viele Kommentatoren weisen am Morgen danach zu Recht darauf hin, dass Donald Tusk für sich, seine Partei und das Land viel erreicht hat. "Aber es war kein Triumph, es war ein Sieg. Ein Sieg nach vier Jahren harter Arbeit in Krisenzeiten." So analysiert es die liberale Zeitung Gazeta Wyborcza , die Tusk nahe steht.

Wahr ist: Tusk ist nicht von ungefähr der erste polnische Premierminister seit 1989, der wiedergewählt worden ist. Er hat seinen Parteifreund Bronislaw Komorowski ins Präsidentenamt gehievt, der ihn unterstützt, statt ständig mit einem Veto zu drohen wie sein Vorgänger Lech Kaczyński. Und nicht zuletzt hat der Premier Polen sicher durch die Weltwirtschaftskrise gesteuert. All das ist dem Regierungschef gelungen, obwohl ihm mit Jarosław Kaczyński seit Jahren ein Kontrahent gegenübersteht , der in keiner Sachfrage zur Zusammenarbeit bereit ist.

Der Bruder des beim Flugzeugunglück in Smolensk getöteten Präsidenten Lech Kaczyński betreibt seit der Tragödie eine noch erbittertere Oppositionspolitik als zuvor. Tusk aber hat ihn ins Leere laufen lassen. Kaczyński, der konservative Lautsprecher, ist für viele Menschen im Land nicht mehr wählbar – auch das hat der Urnengang am Sonntag gezeigt. Sein Versuch der Jahre 2006 und 2007, mit einer Rechtsaußenregierung eine neue, eine Vierte Republik zu schaffen, die auf national-katholischen Fundamenten ruhen sollte, hat ihn ins Abseits manövriert. Da steht er nun und behauptet am Wahlabend trotzig: "Früher oder später werden wir wieder gewinnen, denn wir sind im Recht."

Kaczyńskis PR-Desaster half Tusk

Im Wahlkampf der zurückliegenden Wochen hatte Kaczyński lange Zeit geschickt versucht, die Bürger einzuschläfern. Er vermied die von ihm gewohnte scharfe Rhetorik. Belohnt wurde er dafür mit guten Umfragewerten, die ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Tusk signalisierten. Dann aber geriet die Präsentation seines Buches Das Polen unserer Träume zum PR-Desaster. Die darin enthaltenen ultrakonservativen Thesen und vor allem die Attacken auf Deutschland, dem er Großmachtstreben unterstellte, holten viele Wähler aus ihrem politischen Dämmerschlaf. Derartige Angriffe auf das Nachbarland ziehen in Polen nicht mehr.

Und so siegte Tusk ungefährdet – und wird nun endlich liefern müssen. Bislang hat Tusk vor allem Politik-Management betrieben. Er hat seine Macht und das Land verwaltet, statt zu gestalten.

"Polen braucht mehr." So sagt es der Taxifahrer. Und seine Beispiele treffen den Kern der Sache. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges gibt es noch immer keine Autobahn, die Berlin mit Warschau verbindet. Und das ist kein Einzelfall. Viele Bahnstrecken sind dringend sanierungsbedürftig – und das in einem Wirtschaftswunderland. Ähnlich sieht es im maroden Gesundheitssystem aus. Und mit Blick auf den verkrusteten Arbeitsmarkt gelten die heute 20-bis 30-Jährigen als verlorene Generation.

Für eine Regierung, die angetreten ist, Polen nachhaltig zu modernisieren, ist die Bilanz des ersten Kabinetts Tusk enttäuschend. Insgeheim weiß der Regierungschef das wohl. "In den kommenden vier Jahren werden wir doppelt so hart und doppelt so schnell arbeiten müssen. Denn die Polen haben ein Recht auf noch mehr Lebensqualität und eine noch höhere Qualität der Politik", sagt er am Wahlabend.