Manche wähnten ihn am Ruder der Titanic , doch er selbst sah sich auf einer ganz anderen Reise: mit einer Odyssee verglich Giorgos Papandreou immer wieder den Weg seines krisengebeutelten Landes. Der Premier wusste, dass er, wie Homers Held, schwere Prüfungen und gefährliche Abenteuer zu bestehen hat. Aber er glaubte an ein glückliches Ende der Irrfahrt: "Wir kennen den Kurs, wir werden unser Ithaka erreichen", versprach er den Griechen. Als ein Papandreou, Spross einer der drei großen Polit-Dynastien, die sich seit Jahrzehnten in Athen an der Macht abwechseln, war er in den Augen vieler Griechen selbst Teil des Problems. Hatte nicht sein Vater Andreas als Premierminister in den 1980er Jahren mit seiner hemmungslosen Schuldenpolitik die Weichen ins Desaster gestellt?

Giorgos Papandreou sah sich selbst freilich als Teil der Lösung. Er sprach unbequeme Wahrheiten aus: "Wir haben seit Jahrzehnten über unsere Verhältnisse gelebt", hielt der den Griechen vor. "Entweder wir ändern uns, oder wir gehen unter", warnte er. Papandreou selbst vollzog die Wende, wenn auch nicht ganz freiwillig: noch im Wahlkampf hatte er Verstaatlichungen angekündigt, jetzt musste er unter dem Druck der internationalen Gläubiger Staatsunternehmen verkaufen. Höhere Renten hatte er angekündigt, stattdessen musste er die Pensionen kürzen. Das war der Preis für die Hilfskredite, ohne die sein Land schon im Frühjahr 2010 untergegangen wäre.

Giorgos Papandreou behielt in der Dauerkrise, die Griechenland seit zwei Jahren zermürbt, erstaunlich starke Nerven. Nie hat ihn der Mut verlassen, nie die Überzeugung, dass er es schaffen könne. Gescheitert ist Papandreou letztlich an den mächtigen Klientelinteressen, an den reformfeindlichen griechischen Gewerkschaften, die sich gegen jeden Veränderung sträuben, an den Zünften, die sich an ihre Privilegien klammern, und an der eigenen Partei, die immer mutloser wurde.

Wäre es nach Papandreou gegangen, hätte das Land schon im Frühsommer eine andere Regierung bekommen: Bereits im Juni bot er dem konservativen Oppositionsführer Antonis Samaras die Bildung einer großen Koalition und seinen eigenen Verzicht auf das Regierungsamt an. Doch Samaras wies den Vorschlag schroff zurück. Ganz zum Schluss hat sich Papandreou dann selbst ins Schachmatt manövriert: Mit der Ankündigung einer Volksabstimmung über das eben erst mühsam geschnürte EU-Rettungspaket verspielte er das Vertrauen seiner europäischen Partner und bracht die eigene Partei gegen sich auf. Damit war das Ende vorgezeichnet .

Aber selbst in der Niederlage duckte sich Giorgos Papandreou nicht einfach weg, sondern bewies eine nicht nur in Griechenland selten gewordene Qualität: politisches Verantwortungsgefühl. Die Idee mit dem Referendum sei "ein Fehler" gewesen, räumte er im Kabinett unumwunden ein. Doch kann diese Episode am Ende nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Politiker Papandreou sich in seiner Amtszeit als wahrhafter Europäer erwiesen hat. Viel mehr, als manch seiner Kollegen in Brüssel und den Hauptstädten des Kontinents. Und ganz zu schweigen von seinem Kontrahenten Antonis Samaras von der konservativen Oppositionspartei Nea Dimokratia, der sich in der Schulden- und Euro-Krise durch Blockade und Obstruktion hervortat.