Trotz der Ankündigung des in Ägypten herrschenden Militärrats, die Macht bis Mitte nächsten Jahres an eine zivile Regierung zu übergeben, gehen die Proteste weiter. Tausende Demonstranten verbrachten erneut die Nacht auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Sie forderten die sofortige Ablösung des Militärrats. Dessen Vorsitzender, General Mohammed Hussein Tantawi, hatte am Dienstagabend in einer Fernsehansprache einen Zeitplan für die Machtübergabe vorgelegt und Präsidentenwahlen bis spätestens Ende Juni angekündigt. Nach dem bisherigen Zeitplan war die Präsidentenwahl erst für Ende 2012 oder Anfang 2013 vorgesehen.

Den Demonstranten reicht das Versprechen vorgezogener Präsidentschaftswahlen aber nicht, sie verlangen die sofortige Absetzung Tantawis, der unter dem gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak Verteidigungsminister war. "Verschwinde" riefen Menschen auf dem Tahrir-Platz. Die Demonstranten kündigten an, den Tahrir-Platz solange besetzt zu halten, bis ihre Forderungen erfüllt seien. In Seitenstraßen kam es in der Nacht erneut zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

Auch in der Hafenstadt Alexandria gingen zahlreiche Aktivisten auf die Straße. Nach Informationen von Al Jazeera wurde dabei ein junger Mann von Sicherheitskräften getötet. In Ismailia im Norden des Landes waren nach Angaben staatlicher Medien bereits in der Nacht zuvor mindestens drei Menschen bei Protesten ums Leben gekommen.

Tantawi hatte versucht, Vertrauen bei den Demonstranten zu gewinnen. "Die Streitkräfte wollen nicht an der Macht bleiben (...) Wir sind bereit, die Macht sofort abzugeben, notfalls auch nach einem Referendum", sagte der General. Zugleich kritisierte er die Demonstranten. Ägypten habe wegen der unsicheren Lage viele Investoren verloren. Angesichts der fortdauernden Gewalt waren die Börsenkurse in Ägypten in den vergangenen Tagen gefallen.

Menschenmassen ziehen auf Tahrir-Platz

Die Jugendbewegung 6. April kündigte an, so lange auf dem zentralen Platz zu bleiben, bis die Militärs die Macht an ein ziviles Gremium übergeben haben. Bei Kämpfen zwischen Demonstranten sowie Armee und Polizei wurden jüngsten Angaben von Medizinern und Juristen zufolge seit Samstag mindestens 36 Menschen getötet. Die ägyptischen Behörden meldeten hingegen, dass seit Samstag 28 Personen in der Hauptstadt getötet wurden. 

Erneut wurden zahlreiche Menschen festgenommen, offenbar auch drei US-Bürger. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wird ihnen vorgeworfen, das Innenministerium mit Brandsätzen angegriffen zu haben. Sie seien zusammen mit ägyptischen Aktivisten aufgegriffen worden. Die Gruppe habe rund 30 Molotowcocktails bei sich gehabt, hieß es. Das Ministerium wurde mit Stacheldraht abgesichert.

Unter dem Druck der Proteste hatte der Militärrat Gespräche mit mehreren politischen Gruppierungen geführt. An die Spitze der neuen Regierung könnte nach neuen Gerüchten der frühere Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei gelangen. Dies erwägt der Militärrat nach Angaben aus ägyptischen Armeekreisen. Die Personalie sei mit den Parteien diskutiert worden, sagte ein Gesprächsteilnehmer. Demnach stand auch der frühere Muslimbruder Abdel Monem Abul Fotuh für das Amt zur Debatte.