Etwa 20.000 Demonstranten haben in Ägypten die Nacht auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo verbracht. Eingehüllt in Decken zum Schutz gegen die Kälte saßen und lagen die Menschen auf dem Boden. Sie warfen den Sicherheitskräften vor, den Zugang zum Platz einzuschränken, um die Demonstranten zur Aufgabe zu bewegen. "Sie wollen uns auf dem Platz einschließen", sagte einer von ihnen. Für heute haben etwa 38 Oppositionsgruppen zu einem "Marsch der Millionen" aufgerufen, um gegen den regierenden Militärrat zu protestieren.

Die Aktivisten wollen den regierenden Militärrat zwingen, die Verantwortung an eine zivile Regierung zu übergeben. Auch nach dem Rücktrittsangebot der ägyptischen Übergangsregierung forderten sie die Ablösung von Militärratschef Mohammed Hussein Tantawi. "Das Land gehört den Ägyptern", war auf einem Plakat auf dem Tahrir-Platz zu lesen. "Alle Ägypter wollen ein Ägypten, das von Zivilisten regiert wird", stand auf einem anderen. Der Vorsitzende des Militärrats war unter dem gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak zwei Jahrzehnte Verteidigungsminister gewesen.

Die Übergangsregierung hatte als Reaktion auf die seit Tagen andauernden Proteste am Montagabend ihren Rücktritt angeboten. Durch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften sind Dutzende Menschen getötet worden. Mediziner und Juristen melden 35 Tote. Die Behörden sprechen hingegen von 28 getöteten Menschen. Nach Angaben des Nachrichtensenders Al Jazeera wurden mehr als 1.700 Menschen durch Gummigeschosse und den massiven Einsatz von Tränengas verletzt. Ärzte behandeln die Verletzten rund um den Tahrir-Platz auf Bürgersteigen, auch eine provisorische Klinik wurde eingerichtet.

Militärrat kündigt Untersuchung an

Es waren die schwersten Ausschreitungen seit dem Sturz von Mubarak im Februar. Damals hatten sich Hunderttausende Demonstranten auf dem Tahrir-Platz versammelt, um gegen die Führung des Landes zu demonstrieren. Der Militärrat äußerte "tiefes Bedauern" über die Opfer der letzten Tage. Außerdem sei die Einrichtung einer Kommission zur Untersuchung der gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften angekündigt worden, berichtete Al Jazeera.

Am kommenden Montag soll die erste Parlamentswahl seit dem Sturz Mubaraks beginnen. Anschließend soll das Land eine neue Verfassung bekommen. Der Militärrat forderte die Ägypter auf, Ruhe zu bewahren, um die Fortsetzung des Demokratisierungsprozesses sicherzustellen. Zudem rief er alle politischen Kräfte des Landes zum Dialog auf. Die einflussreiche Muslimbruderschaft will dieses Angebot offenbar annehmen. Die Organisation wolle an den Gesprächen mit dem Militärrat teilnehmen, meldete Al Jazeera. Die Muslimbrüder rechnen sich bei den Parlamentswahlen gute Chancen aus.

Amnesty International erhebt aktuell schwere Vorwürfe gegen die Militärführung: In Ägypten würden die Menschenrechte heute teilweise stärker verletzt als zu Zeiten des gestürzten Staatschefs Hosni Mubarak, heißt es in einem Bericht der Organisation.