Eine Woche vor den ersten Parlamentswahlen sind die Proteste gegen die Militärregierung in Ägypten weiter eskaliert. In Kairo kamen bei heftigen Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten mindestens zehn Menschen ums Leben. Die Demonstranten hielten den Tahrir-Platz in der Nacht zum Montag wieder besetzt, in der Umgebung kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Nach Angaben von Gerichtsmedizinern starben mindestens vier der Todesopfer durch Schussverletzungen, weitere Demonstranten erstickten offenbar durch das von Militär und Polizei abgefeuerte Tränengas. Das ägyptische Gesundheitsministerium gab die Zahl der Todesopfer in Kairo mit zehn an, 324 Menschen seien verletzt worden. Andere Quellen sprechen von 13 Toten.

Landesweit wurden seit Samstag 1.700 Menschen verletzt. Ärzten zufolge mussten zahlreiche Menschen mit Schusswunden behandelt werden. Bereits am Samstag hatte es bei Demonstrationen gegen den Militärrat in Kairo und Alexandria zwei Tote gegeben.

Auf dem Tahrir-Platz ging die Polizei unter Rückendeckung der Armee gegen Demonstranten vor, die einen Rücktritt der Militärregierung forderten. Dutzende wurden Augenzeugen zufolge festgenommen. Auch in Alexandria, Suez, Ismailia und dem Nord-Sinai kam es zu Protesten. Es sind die schwersten Zusammenstöße seit dem Aufstand gegen den früheren Staatschef Husni Mubarak.

Streit über die künftige Rolle der Streitkräfte

Die ersten Wahlen nach dem Sturz Mubaraks sollen ab dem 28. November abgehalten werden. Viele Ägypter sind besorgt, dass es der Polizei nicht gelingen könnte, dabei für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Zudem gibt es Streit zwischen politischen Gruppierungen und den Militärmachthabern über die künftige Rolle der Streitkräfte. Dabei geht es um grundsätzliche Regeln für eine Verfassung, nach denen die Armee auch künftig nicht einer parlamentarischen Kontrolle unterstehen könnte. Das Parlament soll ein Gremium bestimmen, welches die Verfassung erarbeitet.

General Mohsen Fangari erklärte im Fernsehen, diejenigen, die einen Sturz der Regierung forderten, wollten auch den Zusammenbruch des Landes. Zugleich betonte er, die Wahlen fänden wie geplant zwischen dem 28. November und dem 10. Januar statt und würden nicht verschoben. Die Armee und das Innenministerium würden für die Sicherheit sorgen. Ein Rückzug der Armee sei wie bereits angekündigt für Ende 2012 vorgesehen. Dann könnten auch die Präsidentschaftswahlen stattfinden.

Der Friedensnobelpreisträger und aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat Mohamed ElBaradei verurteilte jegliche Gewalt gegen Demonstranten. Er habe eine "Regierung der nationalen Rettung" gefordert, berichtete die Nachrichtenagentur Mena. Die Proteste hatten am Freitag begonnen und waren vornehmlich von Islamisten initiiert. Seither hat die Bewegung vor allem von jungen Ägyptern zahlreichen Zulauf erhalten.