Als mich DIE ZEIT darum bat, meine Ansichten über die Ereignisse in Syrien aufzuschreiben, zögerte ich erst, denn ich bin keine Expertin für Außenpolitik. Dann dachte ich aber, dass ich als Autorin und als Frau, die in einem Nachbarland lebt, doch etwas über Syrien sagen kann. Hier also sind meine Gedanken zum Thema.

Die Büchse der Pandora ist geöffnet worden! Und aus der Büchse sprang – zum großen Entsetzen der nahöstlichen Regierungen – Freiheit heraus. Diese jedoch ist höchst ansteckend und es ist auch kein Gegengift bekannt.

So geschah es, dass die Gewaltregime im Nahen Osten allmählich vom Aufruhr überwältigt wurden. In einigen Ländern verlief der Arabische Frühling, ohne dass viel Blut vergossen wurde. Diktator Assad in Syrien beschloss jedoch, anstatt politische Reformen in Gang zu bringen und die Demokratie einzuführen, hart gegen sein Volk durchzugreifen und Regierungsgegner zu zu töten.

Mein Land – erst als osmanisches Reich und dann als türkische Republik – kennt seit mindestens 135 Jahren den Dämon der Freiheit. Und die Frauen in meinem Land haben, zumindest auf Papier, ihren Anteil an der Freiheit so weit wie in keinem anderen muslimischen Land ausgeweitet. Das schulden wir der Tatsache, dass wir bis zum siebzehnten Jahrhundert ein Kaiserreich waren, das weit nach Europa hineinreichte und so 600 Jahre lang in enger Beziehung zum Westen stand. Das sollten sich auch Frau Merkel und Monsieur Sarkozy merken.

Seit dem Jahr 1876 sind wir Türken mit der Idee der Freiheit und mit dem parlamentarischen System vertraut. Diese Ideen, die im Westen geboren wurden, haben sich seinerzeit bis zu uns verbreitet. Und trotz einiger Hemmnisse werden wir heute von einer säkularen parlamentarischen Demokratie regiert. Deshalb meinen wir, dass wir unserem Nachbarland im Aufruhr ein Beispiel sein können.

Unglücklicherweise hat sich Bashar al-Assad der an ihn gestellten Erwartungen nicht würdig erwiesen – jener charmante Mann, den ich vor einigen Jahren neben meinem Premierminister gesehen habe und dessen entzückende Frau trotz ihres muslimischen Glaubens die Haare auf die Schultern fallen ließ. Assad führt sein eigenes Land in den Bürgerkrieg und, wie schon Gadhafi, scheint er dabei eher den Tod seiner Gegner in Kauf zu nehmen als einer Lösung nachzugehen. Doch ist das verhandeln – und sicher nicht der Tod – die Lösung.