Bis zum Schluss wird geschachert und gefeilscht um die Besetzung der Übergangsregierung . Das wäre eigentlich normal im politischen Prozess, doch angesichts des Ernstes der Schuldenkrise konnte man sich schon fragen, wie es um Griechenlands Polit-Elite bestellt sein muss. Dies gilt vor allem für Oppositionsführer Antonis Samaras von der konservativen Nea Dimokratia.

Seine Partei hatte genau wie die sozialistische Pasok-Partei vom zurückgetretenen Premier Giorgos Papandreou den Staat in den vergangenen dreißig Jahren hemmungslos verschuldet und ihre Parteiklientel fleißig bedient. Doch jetzt will sich Samaras an der Wirtschaftskrise seines Landes offensichtlich nicht die Finger schmutzig machen . Natürlich will auch er an die Macht. Doch zuvor sollen andere den Schutt wegräumen.

Deshalb muss jetzt der neue, noch unbekannte Premier viele für den Bürger hässliche Beschlüsse fassen und durchsetzen. Die angestrebte 100-Tage-Koalition soll die mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) verabredeten drastischen Sparmaßnahmen umsetzen und Neuwahlen vorbereiten.

Mitreden will die Nea Dimokratia natürlich trotzdem. Deshalb wurde der frühere EZB-Vize Lucas Papademos kein Übergangspremier, obwohl er fachlich gut geeignet ist. Papademos wollte die Regierung nämlich eigenständig führen und nicht von Pasok und Nea Dimokratia ferngesteuert sein. Auch wollte er sich mehr als hundert Tage Zeit für die Umsetzung des komplizierten Spar- und Stabilisierungsprogramms nehmen. Das passte Samaras nicht – ebenso wenig wie dem bisherige Finanzminister Evangelos Venizelos von der Pasok, der die Kontrolle über die Staatsfinanzen ungern abgeben wollte.

Neun von zehn Griechen misstrauen Regierung und Opposition

Das Versteckspiel der Nea Dimokratia wird zunehmend lächerlich. Denn am Ende muss im Parlament eben auch die Partei von Samaras die Politik und die Beschlüsse der Übergangsregierung stützen und bestätigen. Besonders schmerzhaft dürfte es für den konservativen Parteichef werden, wenn er auf die Forderung von EU und IWF eingehen und seine Unterschrift unter die Sparpläne setzen muss. Das Garantiedokument sollen auch der neue Premier, der Chef der Pasok, der Finanzminister sowie der Chef der Notenbank unterzeichnen. Nur, wenn ihre Unterschriften vorliegen, werden weitere Hilfsgelder ausgezahlt. Dabei wollte Samaras doch eigentlich die Bedingungen von EU und IWF neu verhandeln, wenn die Nea Dimokratia nach der Wahl erst einmal an der Macht ist.

Doch diese Wahl wird möglicherweise eine herbe Enttäuschung werden, nicht nur für die bis eben regierende Pasok, sondern auch für die Nea Dimokratia. Die Wähler werden auch sie für die schwere Krise verantwortlich machen. Der Fortbestand von Nea Dimokratia und Pasok in ihrer bisherigen Dimension dürfte ernsthaft  gefährdet sein. Das Ansehen der Politiker und der Parteien ist dahin: Neun von zehn Griechen misstrauen heute Regierung und Opposition. Die Krise ist also existenziell für die Parteien.

Die Opposition hat auch Schuld an der Krise

Die Nea Dimokratia hofft nun auf das Kurzzeitgedächtnis der Wähler. Die  sollen möglichst vergessen, dass es die Partei von Samaras war, die während ihrer Regierungszeit 2004 bis 2009 den Staatsapparat mehr aufblähte als es jede Regierung zuvor getan hatte, und dabei tüchtig die konservative Klientel bediente. 

Ex-Premier Papandreou hatte verstanden, dass das so nicht mehr weitergeht. Sein Kontrahent Samaras offenbar nicht. Ihm und vielen anderen Vertretern der politischen Elite Griechenlands fehlt die notwendige Demut gegenüber dem Wähler, und es fehlt ihnen das Verständnis für den Ernst dieser Schuldenkrise.

Bleibt die Hoffnung, dass die nächste Wahl diesen Hochmut bestraft. Und vor allem: Dass sich in der Zwischenzeit neue Politiker und Organisationen etablieren, denen die Zukunft anvertraut werden kann. Immerhin dürfte es in kaum einem Land gerade erfolgversprechender sein, als hier, eine neue Partei zu gründen.