Sie kommen mit Knüppeln und Schlagstöcken, Tränengas und Gummigeschossen und gehen wie wild auf die Demonstranten los. Die ägyptische Polizei kennt keine Gnade, knüppelt wahllos Aktivisten nieder.

Zu Toten und Verletzten der Kämpfe zwischen Polizei und Demonstranten in der vergangenen Nacht gibt es unterschiedliche Angaben. Offizielle Stellen berichten von zehn, die Ärzte auf dem Tahrir-Platz von bis zu 30 Toten in Kairo und mehr als tausend Verletzten. Bis in die frühen Morgenstunden ist der Kampf noch nicht zu Ende. Es ist eine Brutalität, wie sie Ägypten nicht einmal während der Revolution am Anfang des Jahres gesehen hat.

Dabei hat alles friedlich angefangen. Noch am Freitag haben auf dem Tahrir-Platz rund 50.000 Ägypter gemeinsam gegen den Militärrat und dessen Machtabsicherung demonstriert. Etwa 200 haben ihre Zelte mitgebracht, auf dem Tahrir übernachtet. Ohne Vorwarnung hat die Polizei die Zusammenkunft am Samstag dann gewaltsam angegriffen, wollte räumen. Seitdem wird rund um den Tahrir gerungen.

Am Sonntag spielen sich die Szenen vor allem in einer Nebenstraße vor dem Innenministerium ab. Die Polizei feuert Gummigeschosse, Tränengas liegt in der Luft, die Augen brennen. Doch müde werden die Demonstranten nicht, schmeißen stundenlang Steine zurück. Mal geht es einen Meter vor, mal einen zurück.

Polizei zündet Zelte an, Motorräder brennen

Am späten Nachmittag dann Chaos. Die Polizei bekommt Verstärkung, kreist von fast allen Seiten den Tahrir-Platz ein und schlägt zu. Wer nicht rennt, wird verprügelt, wird beschossen. Tränengas versperrt die Sicht und drückt sich in die Atemwege – manche Aktivisten haben keine Chance.

Was mit den Getöteten geschieht, ist unklar. Ein Video kursiert im Internet, das zeigt, wie die Polizei einen leblosen Körper von der Straße auf eine Müllhalde zerrt. Das Video zieht Kreise bei Facebook und Twitter, es gießt Öl ins Revolutionsfeuer.

Wenig später steht der Tahrir in Flammen. Die Polizei zündet Zelte an, Motorräder brennen – all das, was die Demonstranten zurückgelassen haben. " Allah Akbar " rufen die Aktivisten, "Gott ist groß" und können den Tahrir Stück für Stück wieder zurückerobern. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei ziehen dann wieder in die Nebenstraßen.

Mit dem brutalen Auftreten der Polizei am späten Nachmittag hat sich auch bei den Demonstranten die Stimmung gedreht. Haben viele am Vormittag noch zu einer zweiten Revolution aufgerufen, sind die meisten am Abend ratlos, geschockt. Amr Hamouda ist einer der wenigen, die der Optimismus nicht verlassen hat. "Wie am Anfang der Revolution stehen wir heute wieder alle vereint und haben ein Ziel: den Sturz des Militärrats. " Er will so lange den Platz besetzen, bis der Militärrat seine Macht an eine zivile Regierung übergeben hat oder zumindest ein konkreter Plan vorliegt. "Das schaffen wir", sagt er, "der Geist der Revolution ist zurück auf dem Tahrir, so wie im Januar."

Doch im Januar waren es Hunderttausende, die auf die Straße gegangen sind – bisweilen sind es auf dem Tahrir nur ein paar Tausend. Sie sind tapfer, aber sie sind erschöpft von Tränengas und langen Kämpfen. Doch vor allem sind sie wütend. "Für was haben wir denn im Januar unser Leben riskiert, wenn die Situation zehn Monate später genau die selbe ist und die Polizei auf uns schießt?", fragt Rana Gaber. An das Auferstehen einer neuen Revolution glaubt sie nicht. "Dazu steht die Bevölkerung nicht mehr genügend hinter uns."